Clemens Orth ist nicht zu fassen!

Was haben der Keyboarder von BroSis, der Singer-/ Songwriter CTO, der Jazzpianist Clemens Orth und der Initiator des Jazzfest in der Kölner Südstadt gemeinsam? Sie sind ein und dieselbe Person. Ich habe mich mit Clemens Orth im Internet verabredet. Seit 2008 pendelt er zwischen Köln und New York, und so befindet er sich zum Zeitpunkt unseres Interviews (16 Uhr Ortszeit Köln) in seiner Wohnung in Queens. Skype hochfahren, Verbindung aufbauen, Videoanruf starten. Ein bisschen wie bei Herzblatt. Die Verbindung baut sich auf und zack, sitzt vor mir in meinem Monitor ein junger Mann mit verwuschelten Locken im T-Shirt, der mir fröhlich erklärt, dass er gerade erst aufgestanden ist.



Foto: Clemens Orth

Clemens Orth, ein Wandler zwischen den Welten. Aufgewachsen in Heidelberg nimmt er mit sechs Jahren Klavierunterricht, kauft sich mit 14 Jahren seine erste Jazzplatte (Chick Coreas „Piano Improvisations Vol.2“) und findet über die Improvisation in der Kirchenmusik mit 17 zum Jazz. Nach dem Abitur und dem festen Wissen, Musiker zu werden, zieht er zum Klavierstudium nach Köln, bekommt ein Stipendium an der NYU und zieht nach New York City. Wegen eines Trauerfalls in der Familie kommt er drei Jahre später wieder nach Deutschland und wird dort durch einen Zufall zum Keyboarder von BroSis. Der junge Mann aus New York sucht für sich und seinen Flügel ein Zimmer in Köln. Er hat Glück. Der Vermieter eines ehemaligen Cafés in der Südstadt hat nichts gegen Musiker, und die Frau, die darüber wohnt, glücklicherweise auch nicht. So arbeitet Orth einige Jahre als Studiomusiker in Deutschland und lebt in Köln.



Nach Jahren der Studioarbeit hat Clemens Orth wieder Lust darauf, seine eigene Musik zu machen. Ein Musiker will spielen, am besten jeden Tag. Doch es mangelt der Stadt Köln an Spielstätten für Jazzmusik. Die Jazz-Szene in Deutschland ist sehr klein, der Markt noch kleiner. Natürlich gibt es die ein oder andere Location, an dem Live-Jazz als Unterhaltung zum Cocktail gereicht wird. Das bietet dem leidenschaftlichen Musiker jedoch kaum Raum für Improvisation. Es entsteht die Idee, mit der Wohnung eine Auftrittsmöglichkeit zu schaffen. Wie in New York, wo solche Locations gang und gäbe sind. Und so richtet er sich in den Räumen gegenüber des katholischen Pfarrsaals ein Tonstudio und einen Proberaum als Konzertraum ein. Der Salon de Jazz wird geboren.

Foto: Clemens Orth

Betritt man den Salon de Jazz, findet man sich in einem großen Wohnzimmer wieder, in dem Musikinstrumente stehen. Das Interieur ist ganz im Retro-Stil orange-grün gehalten, die Vorhänge erinnern an die Siebziger Jahre. Bis zu 50 Zuhörer finden hier Platz, die an der großen Bar auch etwas trinken können und kleine Knabbereien finden. Das Schild über der Tür, das jedem Fußgänger sicher schon einmal ins Auge gefallen ist, wurde von einer Freundin liebevoll selbst gestaltet. In loser Reihe spielen hier nun befreundete Jazz-Musiker, spielt Clemens Orth und öffnet die Tür zu seinem Salon für interessierte Nachbarn und Gäste. 2009 findet hier an einem Tag das erste Jazzfest statt, damals noch mit wenigen Musikern. Erst 2010 nimmt das Fest konkrete Formen an.



An dem langen Wochenende vom 6.-11. Juni 2012 wird nun zum dritten Mal das Jazzfest in der Südstadt veranstaltet. Einige der besten Jazzmusiker und Formationen Kölns finden sich zu zwei Terminen pro Abend zusammen, um vor interessierten Zuschauern aufzutreten. Das Fest finanziert sich durch Spenden, der Eintritt ist frei(willig). 10 Euro pro Person sind der empfohlene Preis für ein Konzert. Die EM wird liebevoll in den Konzertplan integriert, vor dem Spiel wird konzertiert, nach dem Spiel gejammt. Die CDs der Künstler kann man vor Ort direkt kaufen und sicher mit dem ein oder anderen ins Gespräch kommen.
Anders als die Konzerte im benachbarten Pfandhaus, bei denen arrivierte und internationale Künstler auftreten, legt Clemens Orth viel Wert darauf, dass alle Musiker des Jazzfest aus Köln und Umgebung kommen. Die auftretenden Künstler spiegeln die zeitgenössische Jazzszene in Köln wider. Er findet es wichtig, die regionalen Künstler in den Vordergrund zu rücken.


„Bei dem Jazzfest geht es mir darum, Neugierde zu wecken. Es ist nicht an Jazznerds adressiert, sondern an ganz normale Leute, die vielleicht etwas entdecken wollen. Das ist die Idee dahinter. Die Jazzkenner kennen die Musiker, die dort auftreten, sowieso, die hören die sowieso ständig. Meine Ambition ist es, den ganz normalen Leuten die Qualität dieser Musik nahezubringen. Menschen, die vielleicht Scheuklappen haben, die vielleicht einmal die falsche Jazzplatte gehört haben und glauben, nichts damit anfangen zu können.“ Dass Clemens Orth selbst keine Scheuklappen trägt, zeigt seine Einspielung von Nevermind, dem Klassikeralbum von Nirvana, als Jazz-Album vor zwei Jahren. Und wer ihn als Singer-/Songwriter kennen lernen möchte, kommt am 1. Juni 2012 ins Studio 672. Dort tritt er im Rahmen des „Lagerfeuer deluxe“ auf und singt zum Klavier selbst geschriebene englische Popsongs. Nach dem Jazzfest kann es aber auch schon wieder sein, dass er in New York ist und in den Clubs dort auftritt. 3-5 Mal im Jahr wechselt er die Kontinente. Dieser Mann ist einfach nicht zu fassen.

Salon de Jazz

Severinskloster 3a


50678 Köln


Die genauen Termine finden Sie im Veranstaltungskalender und unter Salon de Jazz.

Fotos: Clemens Orth

Das Interview erschien zuerst auf Meine Südstadt.

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