Köln ist das Ende der Welt

05.06.2012

Roger Willemsen sitzt in den hellen Kunsträumen einer ehemaligen Fabrik-Halle und strahlt. Gerade eben hat er behauptet, Köln sei das Ende der Welt. Wenn man die Welt aus den Augen der Tongalesen betrachte. Die leben nämlich exakt auf der anderen Seite des Globus’. Also am anderen Ende der Welt.

 

       Foto: Dirk Gebhardt/laif


Das Publikum hängt an seinen Lippen, Roger Willemsen sitzt auf der kleinen Bühne und  die Leselampe ist im Grunde nur Dekoration. Denn Roger Willemsen liest nicht vor, stattdessen tut er, was er am besten kann: Er erzählt. Er parliert. Er rafft Geschichten zusammen, geht in Zeitlupe ins Detail, lässt das Publikum quietschen vor Entzücken, sich Lachtränen wegwischen, um im nächsten Moment einen nachdenklichen oder gar verstörenden Moment einzubauen, bei dem alles verstummt und die Stille greifbar wird. Die helle Halle lässt zu, dass er in fast jedes Zuschauer-Gesicht blicken kann. Er trägt Geschichten vor aus seinem aktuellen Buch, „Die Enden der Welt“, in dem er 23 Orte vorstellt, die er in den letzten 30 Jahren bereist hat und von denen er behauptet: Hier ist die Welt zu Ende. Es sind Orte, an die niemand gehen möchte. Orte, an denen das Leben zu Ende ist.

 

Zu Beginn des Abends stellt Willemsen Michael Horbach vor. Horbach, seines Zeichens Kunstliebhaber und Freund Willemsens, hat diesen Abend möglich gemacht, indem er seine Kunsträume zur Verfügung stellte. Er unterstützt mit der Stiftung, die nach ihm benannt ist, nicht nur den Afghanischen Frauenverein, dessen Schirmherr Willemsen ist, sondern spendete auch drei Brunnen für Afghanistan, ein vierter kam durch den Kunstsalon dazu. Der Kunstsalon aus der Brühler Straße ist es auch, der Roger Willemsen im Rahmen von „Literatur in den Häusern der Stadt“ in die Südstadt und in die Räume der Michael Horbach Stiftung geladen hat.

 

Was schätzen Sie an der Kölner Südstadt?
Ich bin in Bonn aufgewachsen, in Bonn geboren, im sogenannten Vorgebirge, was die dort Lebenden als „rheinische Toskana“ bezeichnen. Das soll man auf keinen Fall glauben. Die Kölner Südstadt ist mir deshalb so nah, weil meine ältesten Freunde in der Kölner Südstadt wohnen, am Ubierring. Und deshalb habe ich mit dem Ubierring und dem Rautenstrauch-Joest-Museum immer wieder zu tun gehabt, kenne relativ viele Leute, die da wohnen, und kenne vor allem dieses ganze künstlerische Ambiente, was drumherum ist. Martin Stankowski, mein enger Freund, mit dem ich viel auf der Bühne bin, der wohnt ebenfalls in der Südstadt, und wenn ich in Köln bin, ist mein Einfalltor eigentlich zuerst immer die Südstadt.

 

Sie treten ja heute im Rahmen des Kunstsalon auf. Haben Sie in diesem Rahmen andere Erwartungen, als wenn Sie jetzt in der Buchhandlung lesen?
Ja, das ist eine ungleich intimere Veranstaltung heute, die vor allem vom guten Geist des Besitzers getragen wird, Michael Horbach, der ein Freund und ein Mäzen für mich ist. Er hat mich in zwei Projekten unterstützt, wofür ich ihm außerordentlich dankbar bin, und das ist der Grund, warum ich heute hier bin. Denn er hat sowohl den Afghanischen Frauenverein unterstützt, dessen Schirmherr ich bin, und er hat sich auch an den „Enden der Welt“ beteiligt, weil er unbedingt wollte, dass dieses Projekt realisiert wird. Ich mag den sehr gerne, das ist ein wahrer Enthusiast, der heute Frühlingsgrippe hat, aber trotzdem ein paar Worte sagen wird, und ich finde die Räumlichkeiten außerordentlich schön.

 

Es wird intimer, es wird auf jeden Fall kleiner als das, was ich normalerweise mache, ich bin normalerweise fast nicht mehr in Buchhandlungen, ich bin fast nur noch auf Bühnen, und kenne eigentlich Theaterräume eher und bin gespannt, wie das heute ist.


Ich lese überhaupt nicht, ich erzähle alles, was ich zu sagen habe, im freien Vortrag meinem lebendigen Gegenüber, dem Publikum, ins Gesicht, und dann wird danach signiert, und ich glaube, es wird Wein getrunken, und man wird Gelegenheit zu Zwiegesprächen haben, das ist bei 120, 150 Leuten ja ganz einfach.

                                                                                                                                                      Foto: Dirk Gebhardt/laif

 

Sind Sie eigentlich noch aufgeregt, wenn Sie lesen?
Nee. Es gibt ein Schlüsselerlebnis: Ich habe einmal mit Sarah Kuttner den Gegengipfel zum G8-Gipfel in Heiligendamm moderiert. Gegen George W. Bush. Da waren 80.000 Leute. Das war die größte Veranstaltung, die ich jemals moderiert habe. Und ich stand hinter der Bühne und dachte: Nö. Du weißt, was Du machst, Du weißt, warum Du es machst, und Du weißt, auf welche Weise Du es machst. Das können die mögen oder nicht mögen, aber ich kann begründen, warum ich es so mache. Und dann gehen Sie mit einer unheimlichen Ruhe auf die Bühne.  Und so hat es auch sehr gut funktioniert.


Das letzte Mal, das ich nervös war,  um schnell was dagegen zu sagen, war vor ungefähr zwei Wochen, da bin ich in München aufgetreten, im Lustspielhaus, wo ich schon sehr oft aufgetreten bin, und Dieter Hildebrandt war im Publikum. Und mit Dieter bin ich ja permanent auf der Bühne,  und ich weiß: Erstens, es ist eine Ehre, dass er kommt, wenn ich ein Programm mache, und zweitens weiß ich: Der alte Hundling, der weiß genau, wie man das Timing anzulegen hat, wie man eine Geschichte gut erzählt, wo man Lacher einbringen muss usw.  Und als der den Abend mochte, da wusste ich: Jetzt ist alles gut.


Ich gehe manchmal ernsthaft zu Kollegen und gucke mir die mit dem Bühnenblick an: Wo hätte die Pause länger sein müssen? Wo stimmt ein Übergang nicht? Wo sind die guten Geschichten zu stark gemischt mit den weniger guten Geschichten? Es ist faszinierend, es ist ein Metier wie jedes andere auch.

 

Sie haben sich in den „Enden der Welt“ 23 Orte ausgesucht. Warum genau diese Orte?
Es sind 23 Orte, von denen ich behaupte, da ist die Welt zu Ende, und die haben sich im Laufe von 30 Jahren ergeben. Es gibt ein paar objektive wie den äußersten Zipfel von Südafrika, von Südamerika – das sind klare Enden der Welt. Ich hätte vorher nicht unbedingt gewusst, dass mir Timbuktu als Ende der Welt erscheinen würde, weil man da auf die Todeszone der Sahara guckt und wirklich sagen kann: Hier beginnt die Sahelzone, da ist das Leben zu Ende. Der Nordpol ist natürlich ein Ende der Welt. Aber es gibt auch ein paar sehr individuelle: Ein Bordellflur in Bombay, wo am Ende nur noch eine armselige, schwachsinnige und gleichzeitig aidskranke Frau sitzt, die an Männer verhökert wird. Da hatte ich das Gefühl: Tiefer geht’s nicht mehr, was die menschliche Spezies angeht.

 

Gewählt habe ich die Reiseziele alle selber, beim Durchgehen durch meine Erinnerungen, ich bin dafür auch gezielt gereist. Und ich reise fast immer alleine. Es hat sich manchmal ergeben, dass ich begleitet wurde, aber meistens sind es allenfalls Chauffeure, weil ich keinen Führerschein habe, die würde ich aber sowieso brauchen. Da braucht man dann Vierradantrieb, und in Patagonien kenne ich mich nicht aus, also wenn man wirklich an die Enden will, dann braucht man Ortskundige. Ich bin in Patagonien von 1.500 km sogar 1.400km ohne Staubstraße gefahren, irgendwo querfeldein. Oder Sibirien: Was wollen Sie machen? Sie brauchen einen Dolmetscher, und Sie brauchen jemanden, der den Wagen fährt. Ich organisiere nur den Weg bis dahin, und da habe ich dann jemanden. Wenn es ganz extrem ist, weiß ich, wer mich da in Empfang nimmt. Das ist aber die große Ausnahme.


Ich bin schon mal für eine Hilfsorganisation in den Himalaya gereist, um ein aussterbendes Volk zu besuchen, da wäre ich niemals hingekommen, wenn ich nicht mit langjährig dort arbeitenden Hilfsorganisationsmitarbeitern gereist wäre, aber in der Regel bin ich alleine.

Ein Musiker sagt, dass der Moment auf der Bühne, wenn er dort steht und singt, der Moment ist, wofür sich das ganze Drumherum lohnt. Was ist Ihr Bühnenmoment, was ist das Eigentliche, und was ist bei Ihnen das Drumherum, das man in Kauf nimmt?
Das Eigentliche, wenn Sie mich wirklich fragen, an den Kern zu gehen, ist Produktivität. Einen Ort zu betreten, an dem ich schöpferisch werde, zu sagen, ich bringe etwas hervor, etwas entsteht in mir. Die Herausforderung wird ja daraus bestehen, die Landschaft persönlich zu machen. Wenn die am Ende genauso ist wie der Westerwald, heißt aber Patagonien oder Kamtschatka, dann habe ich mein Ziel verfehlt. Ich brauche die Individualität dieser Landschaft, und wenn die mir etwas sagt, wenn die mich fruchtbar macht, ist sie eine gute Landschaft. Das ist das Wichtigste.

 

Wenn ich in einem Zug sitze, und es passiert eine banale, kleine Szene, die hängen bleibt, und die ich jetzt immer noch memorieren kann, wenn ich hier sitze, dann würde ich sagen: Das war kondensiertes Leben, das hat mir etwas bedeutet! Wenn ich das Gefühl habe, ich bewege mich in Stereotypen, ich habe den Boden gar nicht richtig berührt, ich kann gar nicht richtig sagen, wo ich wirklich war, dann habe ich das Gefühl, ich sterbe in jedem einzelnen Augenblick, wo Routine, wo Langeweile überhand nimmt. Aber Sie haben Recht, man geht weite Strecken durch undefinierte Transithallen, Flughafenhallen, Hotellobbys, Räume, die man sich nicht anverwandeln kann, die man kaum richtig sieht, Durchgangsorte, wo die Leute wie in Containern aufbewahrt werden.


Stellen Sie sich die Situation vor: ich gehe in Tonga, das ist Polynesien, südpazifischer Raum, als der Regen ganz leise anfängt, vom Himmel runterzukommen, an einem Toyota Pickup vorbei. Aus dem Wagen streckt sich ein brauner, dicker Männerarm und prüft den Regen. Und ich denke mir, einsam wie ich war: Jetzt lege ich meine Hand da rein und gucke einfach, was passiert. Und dieser Mann: Wie ein Schraubstock schließt sich dieser Arm, zieht mich an den Wagen, und ich sehe mich dem Gesicht von Mike Tyson gegenüber: Ein gesichtstätowierter Rugbyspieler aus Tonga, mit dem ich die nächsten sieben Tage verbracht habe. Das passiert natürlich nur, weil man in die Situation eintritt. Das ist der schöpferische Augenblick – zu sagen: Guck, was passiert! Lass Dich drauf ein! Wo eine Situation ist, kann man wurzeln.

 

Sie sind einer der Unterzeichner von „Wir sind die Urheber“. Folgende Vision: Die Buchindustrie geht in den nächsten Jahren den ähnlichen Weg wie die Musikindustrie, wo die CD nur noch der Trailer für das Konzert ist, bei dem der Künstler dann wirklich Geld verdient. Wird das Buch zum Trailer für die Lesung, wird die Lesung zum Event?
Sie haben sehr Recht, die Parallele ins Spiel zu bringen. Sie funktioniert natürlich deshalb nicht, weil die Lesungen in der Regel Bestrafungen des Publikums sind (lacht). Denn viele Autoren treten wirklich auf und sagen: Jetzt machen wir mal Funzellicht, und wir nuscheln vor uns hin, und nach einer Stunde heben wir unseren schütteren Scheitel wieder vom Buch und dann war’s das. Und alle haben gelitten und sagen, das muss Kultur gewesen sein, denn wir haben gelitten. Das ist mein Antitypus der Veranstaltung.

 

Die Unterzeichnung dieses Aufrufs hing mit zwei Dingen zusammen. Das Eine war, dass es Stimmen von den Piraten gab, die gesagt haben: Grundeinkommen muss reichen, eigentlich ist das Ideal des Künstlers, der darbt, ein ganz gutes. Dagegen muss man sich von vorneherein wehren. Das Zweite ist: Wir müssen natürlich Vertriebswege anpassen an veränderte Situationen, das Copyright anpassen an veränderte Vertriebswege. Aber dass die Musikindustrie nicht gerade das Vorbild dafür ist, wie man das gut und glücklich machen kann, und die Filmindustrie auch nicht - das Signal ist beim Buchmarkt angekommen. Man braucht schon ein so lange erkämpftes Recht wie die Achtung der geistigen Leistung, nicht des Urheberrechts in dem Sinne, sondern erst mal der Leistung überhaupt, wie es heißt. Es ist Arbeit, es ist manchmal qualvolle, mühevoll gemachte Arbeit. Das meine ich gar nicht heroisch, aber es ist einfach Arbeit, die will honoriert werden. Und man macht aus Kultur noch mehr Zierrat, Ornament, indem man sie behandelt, als sei sie eigentlich schöner Dekor, aber keineswegs nötig. Wir bezahlen nur Anwälte und Brückenbauer. Und das ist zu Recht mit Widerstand begleitet worden.

Haben Sie noch einen Sehnsuchtsort, an den Sie beim Einschlafen denken und bei dem Ihre Seele brennt?
Ich hatte einen, den ich nicht bereisen kann, das war Damaskus. Da wollte ich immer hin, und ich bedaure wahnsinnig, dass ich das nicht gemacht habe, als es noch ging. Ich würde sehr gerne mal nach Taschkent und an diese russisch-chinesische Grenze reisen, aber sonst: Der ideale Ort, den ich gefunden habe, lag in Polynesien. Ich würde sehr gerne nach Polynesien zurück. Es gibt auch eine Reihe von afrikanischen Orten, die ich auch noch gerne sehen würde. Dieser Hunger hört nicht auf. Ich muss aber ehrlicherweise sagen: was ich nicht mehr ganz so leicht kann, ist dieses Strapazen-auf-mich-nehmen. Ich merke, dass ich dem physisch nicht mehr so gewachsen bin wie früher. Ich habe so oft im Dreck gelegen, und ich habe so oft Vulkane bestiegen unter irgendwelchen Entbehrungen mit komischen Nahrungsmitteln, und an der Stelle merke ich meine Materialermüdung.

 

Wenn man Ihr Leben und Ihr Arbeiten betrachtet: es ist alles gut, Sie engagieren sich für gute Sachen, Sie leben einen Traum. Ist es Ihr Traum? War es je Ihr Traum, oder hat es sich dazu ergeben, oder empfinden Sie das gar nicht so?
Doch, das war der Traum. Mein allererster Berufswunsch war, Diener meines Vaters zu werden, weil ich dachte, das wäre einfach. Dann starb mein Vater aber sehr früh, und mein erster, richtiger Berufswunsch war, Schriftsteller zu werden. Ich wollte unbedingt vom Schreiben leben können. Wenn Sie mich vor 50 Jahren gefragt hätten, dann hätte ich wahrscheinlich da schon gesagt: Ich will vom Schreiben leben. Das war in dem Augenblick, als ich anfing, schreiben zu können. Für mich war das Fernsehen immer ein Umweg.

 

Auch das Filmemachen ist schön, aber es stimuliert mich im Moment nicht besonders. Ich habe keine Filmidee. Ich war jetzt gerade mal wieder Co-Produzent bei einem Film, aber da ging es um Michel Petrucciani, das ist dann was anderes. Aber eigentlich liebe ich das Wort. Ich liebe das Hervorbringen auf Bühnen. Deshalb nochmal die Produktivität: es ist das Tolle, dass man auf einer Bühne dem Publikum gegenüber was sagt, nicht tot liest, sondern wirklich redet. Solange ich von dieser produktiven Tätigkeit leben kann, bin ich glücklich.

 

Das Interview führte ich an einem warmen Sommernachmittag im Garten von Michael Horbach für www.meinesuedstadt.de
 

 

 

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