Überm Rhein übern Reim mit Lasse Samström

Lasse Samström ist einer der bekanntesten Poetry Slammer Deutschlands. Der in Bonn lebende Schüttelprosakünstler hält nicht nur Workshops, sondern moderiert auch Poetry Slams und die vom 7. bis 9. September stattfindende Veranstaltung "Rheinlesen". Ich traf ihn wenige Tage zuvor im Rheinauhafen.

Foto: Dirk Gebhardt/laif

Lasse Samström, wie viele Kinder hast Du? Eins. Das reicht ja wohl.

Ich frage wegen des Namens. Achso, haha, ja, okay: Eins, von dem ich weiß.

Wie kam es zu dem Namen? Das ist ein Punkrockname, der hängen geblieben ist. Ich war Ende der Achtziger Sänger in einer Funpunkband namens ‚Die amoklaufenden Frittenbuden’, und damals musste man einen Kampfnamen haben. Und jetzt habe ich den Namen schon seit 25 Jahren.

Du moderierst am Wochenende ‚Rheinlesen’. Was passiert da? Ich führe mit den Autoren ein Gespräch wie wir beide gerade, und dann lesen die.

Da lesen auch Autoren, die keinen Verlag haben. Ja. Das ist auch das, was mich daran interessiert. Es geht nicht wie bei der lit.cologne darum, Leute, die eh schon in den Hitlisten sind, noch weiter zu pushen, sondern Leuten graswurzelmäßig nach oben zu helfen.

Ein Poetry Slam findet im Rahmen des ‚Rheinlesen’ in der BAY statt? Der wird von der ‚Reim in Flammen’-Crew ausgerichtet. Der ‚Reim in Flammen’ ist eigentlich ein extrem gut laufender Slam, der Hauptslam hier in Köln, wo sich jeden letzten Dienstag im Club Bahnhof Ehrenfeld Monat für Monat 400 Leute in eine enge Röhre quetschen und Slammer aus ganz Deutschland für ein gutes Niveau sorgen. Das rockt richtig! Mit Platzangst sollte man sich da allerdings nicht hin verlaufen.

Du bist ja bekannt für Deine Schüttelprosa. Im Prinzip ist es eine Fleißarbeit. Du musst ein Thema finden und dann sammeln. Ich schreibe meistens das erste Drittel inspirativ runter. Dann habe ich einen Grundstock. Bis der Text fertig ist, vergehen oft Monate. Ich trage die Rohversion in der Vorrunde eines Poetry Slams vor und merke schnell, was funktioniert und was nicht, und an welchen Stellen ich die Zuhörer überfordere. Wenn zu viel auf einmal kommt, musst Du das Tempo rausnehmen, auch mal eine Pause machen. Bei schwierigen Sachen kommen die ersten Lacher erst nach drei, vier Sekunden. Aber das finde ich eben spannend. Ich will ja, dass die Leute mir zuhören.

Die Schüttelprosa hat den Effekt, den ich sonst bei keiner anderen Form habe: die Leute werden von der Tatsache überrumpelt, dass der neue Schüttelreim mit dem alten korrespondiert, und dass die auch inhaltlich etwas miteinander zu tun haben. Dadurch entsteht teilweise eine regelrechte Hysterie. Auch bei Leuten, die sonst gar nichts mit Wortspielen anfangen können.

Im Rahmen von Kulturnächten im Ruhrgebiet steigen Slammer mit einer Box und einem drahtlosen Mikrofon in die Straßenbahnen, auch um überregionale Slam-Meisterschaften zu promoten. So konfrontiere ich auch Leute mit Schüttelprosa, die sonst nie damit in Berührung kommen. Da saß eine sechzigjährige, klassische Ruhrgebiets-Klischee-Frau mit Kittel und Einkaufstüten, begriff, was ich machte, und begann vor Begeisterung fast zu hyperventilieren. Die würde sich niemals auf einen Slam verirren.

Schüttelprosa ist eine Sache, die bei sehr vielen funktioniert. Aber ein paar halten das auch für Gesabbel, weil sie nicht verstehen, dass die Anlaute einem strengen Schema folgen. Dass es eben auch eine Technik ist und nicht nur Späßchen.

Du hältst auch Workshops? Das macht jeder, der länger als zwei, drei Jahre Slam macht und auch ein bisschen erfolgreich ist. Seit es das mal im Fernsehen gab (WDR Poetry Slam, moderiert von Jörg Thadeusz), haben auch die Lehrer verstanden, was Poetry Slam ist. Für die ist das geil, weil dann jemand kommt, der cool ist, etwas mit Popkultur zu tun hat und trotzdem Themen verhandelt, die genau so auch im Deutschunterricht vorkommen können.

Ich halte auch Workshops in sozialen Brennpunkten, da gibt es z.B. in Düsseldorf eine Initiative namens ‚Kulturrucksack’. Die gehen explizit in Schulen, in denen der Putz von den Wänden fällt. Ich halte dann eine Doppelstunde. In der ersten Stunde erkläre ich den Schülern, was ein Poetry Slam ist und erzähle ein paar spannende Anekdoten. Alle hören zu. Es ist unglaublich, wie ruhig es dann ist: „Hey, das muss sowas wie Hip-Hop sein. Da hören wir mal hin.“ Die Leute, die keinen Bock haben, setzen sich nach hinten, weil sie merken: „Ich bin zuviel Druck ausgesetzt, wenn ich jetzt hier störe.“

Ich sage denen „Ihr schreibt jetzt einfach mal einen Text über Euch selbst“ und gehe von Tisch zu Tisch. Dann kommen die Fragen: „Darf ich auch darüber schreiben?“ Die sind es gewohnt, dass sie ein Thema kriegen und bearbeiten müssen. Dass sie sich ein Thema selbst aussuchen dürfen, damit wissen sie zuerst gar nichts anzufangen. Aber genau darum geht es ja beim Slam: es ist egal, was Du erzählst – es darf nur nicht langweilig sein! Die Kids lernen in der Schule, Texte zum Lesen zu verfassen. Um einen Text zum Vortragen zu schreiben musst Du andere Sachen beachten. Ich bringe denen bei, Kunstpausen zu machen. Das ist für die allermeisten das erste Mal, dass sie merken, dass man nach einer guten Pointe eine Pause machen muss, bis das Publikum ihn begriffen hat und wieder aufnahmefähig ist. Denn wenn sie gleich darauf noch einen Witz machen, dann wirkt der davor nicht mehr. Darauf kommt es in meinen Workshops an.

In der zweiten Stunde ziehe ich mit denen einen Slam durch. Sie stimmen dann per Zettel oder öffentlich ab. Und in der Regel gewinnt eben nicht der Klassenclown, sondern der, der was zu sagen hat. Ich will ihnen auch zeigen, dass sie nicht einmal ein Instrument lernen müssen. Sie können auch Gedichte schreiben und damit nach dem Abitur auf Tour gehen, so wie das heute viele machen. Das hätte ich damals auch gerne gemacht. Aber da gab es das noch nicht. Wir hatten nur Hansa-Pils und Punkrock. Anders konntest Du nicht an ein Mikro kommen. Nur deswegen bin ich erst Sänger geworden.

Was fasziniert Dich all die Jahre am Poetry Slam? Ich wollte nie von der Kunst leben müssen. Poetry Slam gibt mir die Möglichkeit, nicht davon leben zu müssen und Punkrock mit anderen Mitteln durchzuziehen. Du sagst: „Für Spritkohle und Freibier spiele ich überall.“ Ich bereise die Republik rauf und runter, kreuz und quer, was mich im Prinzip keinen Cent kostet. Deswegen ist die Antwort auf die Frage, die immer kommt: „Kannst Du davon eigentlich leben?“ einfach: Ja. Solange ich auf Tour bin, brauche ich kein Geld. Ich werde vom Bahnhof abgeholt, ich werde umhegt und umpflegt. Manchmal ist das nicht so, dann fahre ich da nicht mehr hin, es gibt ja genug Slams. Solange Du auftrittst, brauchst Du kein Geld. Es gibt ja alles umsonst.

Letztlich ist ein Poetry Slam ein ganz simpler Trick, um die Leute dazu zu bringen, auch bei Sachen, die ihnen nicht gefallen, zuzuhören. Die wissen schon im Vorfeld: Es kann alles kommen, weil alles erlaubt ist. Und diese Bandbreite an Interesse, die findest Du nirgendwo sonst. Wer auf ein Punkkonzert geht, will Uffta-uffta hören, wer ins Kabarett geht, der will politische Witze von einer bestimmten Sorte haben, und das wird dann bedient.

Wer zum Poetry Slam geht, der weiß genau: Es können jetzt acht Comedy-Texte kommen, es können auch acht krasse Liebesgedichte kommen. Egal, was es ist: Es wird erst mal angehört, und die Leute sind offen für alles. Das hast Du nirgendwo anders. Das ist das, was mich bei der Stange hält. Diese absolute Freiheit, dass Du machen kannst, was Du willst, solange es nicht langweilig ist.

Warum gibt es von Dir keine Bücher oder CDs? Ich bin ein oraler Dichter. Für mich ist die Kunst der Moment, in dem ich auf der Bühne stehe. In dem Moment passiert das, worum es mir geht. Ich weigere mich, den Bücherverkauf als das eigentliche Ziel dessen zu sehen, was ich mache. Mein Ziel ist, vor 300, 400 Leuten zu stehen, die mir zuhören. Aber wenn ich z.B. für eine Anthologie angefragt werde und mir das Konzept gefällt, dann mache ich schon mit.

Ich habe nichts gegen die Haptisierung von Vortragsdichtung, aber es ist eben nicht der Hauptzweck. Ende des Jahres werde ich beginnen, Slamsampler auf Vinyl herauszubringen. Richtige Langspielplatten für DJs. Und ich träume schon lange von einem Schüttelprosabilderbuchprojekt. Ich bin da schon offen. Aber nichts ersetzt mir den Moment, wenn ich ans Mikro trete und es totenstill wird im Club.

Wie fing das alles an?
 Im Kunsthaus Rhenania habe ich 1993 mit meiner Band „House of Suffering“ gespielt. Das war die letzte Platte, die WDR 1 unterstützt hat, bevor er 1Live wurde. Für 20.000 DM konnte man da zehn Tage in einem Studio in Süddeutschland aufnehmen. Das war mein Rock’n’Roll-Moment.

Später habe ich dann hier in Köln beschlossen, mit der Musik aufzuhören. Dann trat ich auf Vernissagen auf, mit Musik, Malerei und Vortrag. Ein Blatt, ein Text. Vorlesen, fallen lassen, fertig. Das waren auch schon Slam-Texte, nur dass ich das nie wusste. Ich habe also schon jahrelang Slamtexte geschrieben und auch vorgetragen, wusste nicht wofür, aber ich wusste, dass mich das interessiert. Kurze Sachen, wie Popsongs.

Dann bekam ich 1997 in Aachen einen Flyer in die Hand gedrückt, auf dem das Konzept ‚Poetry Slam’ kurz erklärt wurde, und ich dachte „Bingo! Den gewinne ich!“ Und den habe ich auch gewonnen. Erst dachte ich, man macht das einmal im Jahr als Sahnehäubchen. Dann fand ich heraus, dass es schon Deutsche Meisterschaften gab. Ich gehöre zur ersten Generation. Und ich mache einfach nichts anderes. Weil es eine Sache ist, die aufgrund der von mir geschilderten Freiheit einfach alles zulässt und mich befriedigt: Mein Fernweh, mein Mitteilungsbedürfnis, mein Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen und gleichzeitig mein Bedürfnis, Teil einer Bewegung zu sein, wo eben alles auf dem gleichen Level ist.

Auf einem Slam bin ich 90% der Zeit Fan und lasse mich von den anderen inspirieren. Ich bin in einer Masse, dann gehe ich fünf Minuten auf die Bühne, und anschließend gehe ich wieder zurück in die Masse und bin wieder genauso Teil des Publikums wie alle anderen auch. Das ist wie mit dem ursprünglichen Ansatz des Punkrock: zwischen Publikum und Künstler gibt es keinen Graben. Seitdem mache ich nichts anderes mehr.

Dieses Interview erschien erstmals bei Meine Südstadt.

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