50 Jahre sind doch kein Alter! Das KDA wird 50

Neulich fuhr ich nach Bonn, um einen älteren Herrn für einen Film zu interviewen. Der 88jährige Politikwissenschaftler beeindruckte durch seine Intelligenz, Eloquenz und Vitalität. Als wir für die Filmaufnahme den Flügel vom Bücherregal wegrücken wollten, entschuldigte sich der 88jährige: „Tut mir leid, ich kann Ihnen leider nicht dabei helfen. Ich habe mir gestern beim Tennis die Schulter gezerrt.“ Ungläubig fragte ich ihn: „Sie spielen noch Tennis?“ – Er schränkte ein: „Ja, aber nur noch Doppel.“ Unsere Gesellschaft wird älter. Und so individuell, wie wir uns als Menschen wahrnehmen, so individuell altern wir. Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen und deren Selbstbestimmung, wer kümmert sich darum? Wäre es nicht wunderbar, wenn es eine unabhängige Organisation gäbe, die konsequent aus der Sicht der Älteren denkt und in Tagungen, Fortbildungen und Beratungen erarbeitet, wie man die eigene Selbstbestimmung bis ins hohe Alter beibehalten kann? Diese Organisation gibt es bereits, sie sitzt in der Südstadt und der 88jährige Tennisspieler Prof. Dr. Carl-Christoph Schweitzer ist ihr Gründungspate. Als Heinrich Lübke 1962 Bundespräsident wurde, brauchte seine Gattin Wilhelmine ein Charity-Projekt, auch wenn man es damals noch „Ehrenamt“ nannte. Herr Schweitzer kam damals gerade aus den USA und brachte von dort die Erkenntnis mit, dass die Alten, deren Versorgung nach dem Krieg teilweise katastrophal war, eine Organisation bräuchten, die neue Konzepte für ihre Selbstbestimmung entwickelt. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (kurz: KDA) wurde gegründet. Anlässlich dessen 50. Jubiläums, das kürzlich standesgemäß im ‚Haus der Geschichte’ in einem Festakt mit Bundespräsident Gauck gefeiert wurde, besuche ich einige Tage danach das Bürogebäude an der Südstädter Pauluskirche. Geschäftsführer Dr. Peter Michell-Auli berichtet in den nächsten zwei Stunden anschaulich von den Konzepten und Erfolgen des KDA, von denen wir alle noch in unserem Alter profitieren werden.

Der Jubiläumsfilm

Michell-Auli leitet das KDA seit 2008. Mehr als 30 Menschen unterschiedlichster Berufe (Architekten, Volkswirte, Psychologen, Sozialarbeiter usw.) arbeiten interdisziplinär an Konzepten, wie das Altern in unserer Gesellschaft so selbstbestimmt wie möglich erlebt werden kann. Der 48jährige Volkswirt erklärt, dass sich die Strategie des KDA komplett auf die Sichtweise der älteren Menschen richtet: „Die Kernaufgabe des KDA ist es, konzeptionelle Vorstellungen zu entwickeln. In Tagungen, Fortbildungen, Beratungen und Projekten erarbeiten wir Lösungsansätze und kommen anschließend mit der Praxis in den Austausch. In dem Magazin ‚ProAlter’ geben wir unsere Erkenntnisse medial weiter und versuchen, in die Diskussion zu kommen. Aktuell arbeiten wir an einem Konzept für eine neue Pflegedokumentation, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Hier lassen wir die Erkenntnisse aus 134 Studien aus der ganzen Welt miteinfließen. Mit diesem Konzept soll auch eine Unterstützung geleistet werden, dass die Menschen besser im Quartier (op kölsch: Veedel), also dort, wo sie leben, versorgt werden können. Die Entwicklung dieses Modells zur Pflege und Begleitung älterer Menschen ist unglaublich beglückend, weil damit die Landschaft revolutioniert wird. Das ist schwer vermittelbar, ich weiß.“

Foto: Dirk Gebhardt/laif

Michell-Auli lächelt gequält. Er bedauert, dass die konzeptionelle Arbeit, die das KDA seit über 50 Jahren leistet, der Gesellschaft schwer zu spiegeln ist, auch wenn sie die Früchte der Arbeit erntet. So wurde z.B. Mitte der Sechziger Jahre aus England die Idee übernommen, älteren Menschen, die selbst nicht mehr kochen können oder wollen, das warme ‚Essen auf Rädern’ vorbei zu bringen. Ein weiteres, aktuelles Konzept ist die Quartiersentwicklung. Die Menschen wollen länger zu Hause wohnen bleiben. Das erreicht man, indem man z.B. ihre Lebensräume barrierefrei gestaltet: Wohnungen, Wohnhäuser, öffentliche Räume. Die Aufgabe für die Kommunen wäre bei der Quartiersentwicklung, die Bürger frühzeitig einzubeziehen und die Entwicklung des Viertels nach den Wünschen der Bürger zu gestalten. Wo sind die Stärken, wo sind die Schwächen im Quartier? Was wollen die Bürger? Was sich junge Menschen in der Pubertät hart erkämpfen, wird auch im Alter wieder zum Politikum. In einer Broschüre steht die Vision des KDA gleich auf der ersten Seite: „Wir wollen, dass Selbstbestimmung für ältere Menschen zu einem gelebten Grundrecht in dieser Gesellschaft wird und dass hierfür die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dies bildet die Basis für eine hohe Lebensqualität im Alter.“

Jeder sollte so leben und alt werden in der Gemeinschaft, wie er und die Gemeinschaft es gerne hätten. Jede Lebensgemeinschaft soll selbst entscheiden, welche Menschen charakterlich zu ihr passt. Auch hier gilt wie überall: Inklusion statt Bildung homogener Gruppen! In ihren Untersuchungen macht das KDA immer wieder erstaunliche Entdeckungen: Wenn beispielsweise der Bewohner eines Altenheims beim Einzug seine eigenen Möbel mitbringt, haben dadurch drei Parteien Vorteile: Der Bewohner selbst fühlt sich heimischer, die Mitarbeiter nehmen ihn eher als Individuum und weniger als Patient wie in einem Krankenhaus wahr, und das Heim selbst hat weniger Kosten, da es keine Möbel stellen muss. Weniger Kosten, aber mehr Lebensqualität! Apropos Kosten: Wie finanziert sich das KDA eigentlich? Am häufigsten arbeiten sie für das Bundesministerium für Gesundheit und das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter. Auch Landesregierungen oder die Bundesregierung geben Studien in Auftrag, wenn sie wissen wollen, was ältere Menschen wirklich wollen. Spielen Sie Lotto? Wenn Sie dabei soziale Projekte wie das KDA unterstützen möchten, sollten Sie die Deutsche Fernsehlotterie (früher: „Ein Platz an der Sonne“) spielen. Sie ist die älteste Soziallotterie Deutschlands. Über das Deutsche Hilfswerk werden diese Gelder auch an das KDA weiter gegeben.

Auch von Spenden und Erbschaften wird die Arbeit des KDA finanziert. In den letzten Jahren entdeckt auch die Wirtschaft die Kaufkraft der Senioren und fragt das KDA, welche Bedarfe denn bei den älteren Menschen vorhanden sind, um dafür die Produkte produzieren zu können. Gerade bei Möbeln gibt es viel Nachholbedarf. Sitzmöbel, Betten. Die barrierefreien Duschen haben es mittlerweile in viele Hotelzimmer geschafft und werden auch aus ästhetischen Gesichtspunkten immer häufiger installiert. In den Sechziger Jahren unterstützten Künstler wie Udo Jürgens das KDA mit Schallplatten-Reihen wie dem „Star Treff“. Welcher Künstler käme wohl hier und heute in Frage? „Wohnt Wolfgang Niedecken nicht sogar in der Südstadt? Wäre der nicht ein Kandidat für ein Benefiz-Konzert für das KDA?“ Im Raum lodert Begeisterung auf. Auf die Frage nach Nachbarschaftsprojekten fällt Michell-Auli eine Begebenheit ein: „Hier in der Südstadt gibt es ein gutes Senioren-Netzwerk. Ich habe auch den Eindruck, dass es hier bereits gute Nachbarschaftsprojekte gibt, die sich aus dem Alltag ergeben haben. Als vor einiger Zeit durch die Presse ging, dass irgendwo in Deutschland ein älterer Mensch in seiner Wohnung verhungert ist, ging ich zum Mittagstisch in eine Metzgerei in der Merowinger Straße. Die Kunden und Verkäuferinnen unterhielten sich gerade über den Fall und waren alle einer Meinung: „Wir beliefern regelmäßig unsere älteren Kunden. Bei uns wäre das nicht passiert, wir hätten das mitbekommen.“ Wohin können sich ältere Menschen wenden, wenn sie den Eindruck habe, ihre Selbstbestimmung gerät in Gefahr? „Schauen Sie sich vor Ort um. Fragen Sie Ihre Krankenkasse. Jede Kommune hat Beratungsangebote. Suchen Sie eine Selbsthilfe-Gruppe. Wichtig ist, dass Sie sich von mehreren Organisationen beraten lassen und sich selbst fragen: Was brauche ich, was will ich, was muss ich dafür tun?“ Die Überalterung unserer Gesellschaft, medial immer wieder als etwas Bedrohliches beschrieben, wird am Ende unseres Treffens zum Thema. Michell-Auli fasst den demografischen Wandel weniger bedrohlich auf: „Das ist das Beste, was dieser Gesellschaft passieren kann. Alles, was wir uns als Gesellschaft wünschen sollten, muss nun gemacht werden. Wir werden es uns als Gesellschaft nicht mehr leisten können, dass wir Kinder aufgrund ihrer Herkunft stigmatisieren und sie nicht individuell fördern und ausbilden. Dass Frauen, die gut ausgebildet sind, nach Jahren der Kindererziehung keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt haben, oder dass ältere Menschen, wenn sie pflegebedürftig sind, einfach ins Heim gegeben werden. Wir müssen an Alternativen arbeiten, und das ist die Quartiersentwicklung. Wir wissen aus Studien, dass es das ist, was die Menschen wollen. Sie wollen nicht alle ins Pflegeheim, die meisten wollen zu Hause weiter leben, aber nicht unterversorgt, nicht sozial einsam sein, regelmäßig essen und kulturelle Angebote wahrnehmen – und das kann man über Quartiersentwicklung regeln. Das ist kostengünstiger im Vergleich zur Versorgung im Heim. Wir gestalten die Gesellschaft so, wie man sich eine Gesellschaft wünscht, und das ist dann auch noch ökonomisch sinnvoll. Faszinierend.“ Das Magazin ‚ProAlter’ kann man im Onlineshop des KDA bestellen. Kuratorium Deutsche Altershilfe An der Pauluskirche 3 50677 Köln 0221 / 9318 470 info@kda.de

Der Artikel erschien zuerst auf Meine Südstadt

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