Sweet Home Kölner Südstadt

Wer -wie ich- mitten in den Südpfälzer Weinbergen groß geworden ist, dem geben Hopfengetränke nichts. Das muss einer der Gründe sein, weshalb ich noch nie an einem Kneipen-Marathon in der Südstadt teilgenommen habe. Schließlich ist dabei das fünfte Kölsch immer frei und somit Anlass für viele Freibiergesichter, in Gruppen durch´s Veedel zu ziehen. Da ich aber eine Freundin der musischen Künste bin, habe ich mir vorgenommen, mit Fotografin Barbara auch eine Kneipe nach der anderen zu besuchen, um die vielen Bands zu hören und den Geist dieses Marathons zu entdecken. Ich suche mir flache, bequeme Schuhe aus, schließlich gilt es, 15 Kneipen abzuklappern, klingle Barbara aus ihrer Wohnung, und wir ziehen los. Da wir der Ankündigung der Veranstalter glauben, dass in den meisten Kneipen zeitgleich um 20 Uhr die Live-Musik startet, haben wir uns einen straffen Zeitplan zurechtgelegt und stehen schon um halb acht im neuen Spielplatz. Auf den sind wir neugierig, denn das Lokal hat nach anderthalb Jahren Leerstand neue Leitung und wir kennen das Konzept noch nicht.

Uns begrüßt gleich eine Frau, die sich mit „Ich bin die Pauli“ vorstellt. Pauli (rechts im Bild) hat 30 Jahre Gastronomie-Erfahrung, davon alleine 20 Jahre im Mainzer Hof. Eine echte Südstadtbraut! „Ich wollte den Spielplatz wieder in den ursprünglichen Zustand zurück versetzen, wie damals bei Herrn Sönius.“ Die Räume sind offen und freundlich, hübsch renoviert, es gibt witzig bemalte Barhocker und sehr attraktives Barpersonal.

Die Brausen, Kölns Frauen-Chanty-Chor, die heute Abend hier auftreten sollen, sind noch nicht da, und so verabschieden wir uns zunächst und laufen weiter ins Terrarium. Michael Köster, auch ein erfahrener Wirt, steht hinter dem Tresen und Barbara stürzt sich gleich auf die zahlreichen Details in der Kneipe, die ihr Fotografinnenherz berühren und fotografiert werden müssen. Das Terrarium ist fast seit Beginn des Kölner Kneipen-Marathons dabei. „Das Besondere ist, dass das Publikum an diesem Abend jünger ist, um die 25-35, das ist die Eventgeneration. Das Wetter heute gibt allerdings wenig Anreiz, um um die Häuser zu ziehen.“ Heute Abend spielen hier die Jungs von „Dan’o’clock“, die auch schon aufgebaut haben, aber nicht zu sehen sind. Schade, ich hätte sie gerne interviewt.

Mir begegnet auf der Straße ein Freund. Leider geht er gar nicht auf den Kneipen-Marathon, sondern zum Ehrenfeld-Hopping, weil dort ein Freund von ihm auftritt. Aha. Kann man solche Events nicht absprechen? Warum muss immer alles gleichzeitig passieren, und an anderen Abenden läuft nur Wetten, dass..?! im Fernsehen?


Wir klopfen an die verschlossene Tür des Coellner. Hier leuchtet es rot, Luftschlangen hängen von den Wänden. Katrin Grabow öffnet die Tür: „Es ist noch zu!“ Das interessiert uns. Wir treten ein, Barbara ist fasziniert von dem ungewöhnlichen Interieur und verliert sich mit dem Fotoapparat in dem Luftschlangendschungel, während ich mich an der Theke mit den beiden lecker kostümierten Bedienungen unterhalte. Der Chef des Coellner, so erfahre ich, hat das mit den Bands ein paar mal mitgemacht, aber zu Beginn des Jahres beschlossen, sich auf die Kernkompetenzen des Ladens zu konzentrieren. Die Gäste erwarten, wenn sie von außerhalb in den Coellner kommen, Karnevalsmusik. Und dann bekommen sie eben Karnevalsmusik. So einfach wie bestechend. Wir wundern uns eh, warum es nicht mindestens eine Kneipe in Köln gibt, die das ganze Jahr über Karneval feiert, alleine schon für die Touristen! Selbst dort arbeiten müssen, nein danke, aber manchmal hätte man ja schon Lust, so außerhalb der Saison..

Den Reiz des Kneipen-Marathons erklärt uns die zweite Coellner-Mitarbeiterin Leonie Firmenich, die dabei den Kölsch-Pass stempelt: „Man läuft durch die Straßen und trifft Tausende von Leuten, Bekannte, die man sonst nicht sieht, geht eben mal nicht in die gleichen Kneipen wie sonst, sondern lernt neue kennen, wie die Torburg oder das Severin. Ich gehe nie wegen der Bands, aber viele gehen nur wegen der Bands.“

Wir gehören heute zu letzteren und laufen weiter über den Chlodwigplatz zur gerade erwähnten Torburg. Die ist bumsvoll, und die mittelalten Herrschaften, die drinnen stehen, sind etwas steif in der Hüfte. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sie so vehement wie sonst nur bei einer Türsteher-Schulung ihren Platz behaupten und uns kaum eine Chance lassen, einige Schritte in den Laden zu wagen. Barbara macht ein paar Fotos, und ich versuche, ob der dicht gedrängten Masse Mensch meine gute Laune zu behalten. Als ich erschöpft an der Theke ankomme, sitzt dort schon ein Pärchen, das gerade ein anderes begrüßt. „Mein Chef trommelt!“, höre ich noch, dann merke ich auch, dass die Band spielt. Zass. Schöne Musik, Gitarre, Schlagzeug, Gesang, poppig mit Blues, was weiß ich schon. Ich kenne auch nicht alle Schubladen für Musik, aber Barbara gefällt es richtig gut. Wir lassen uns durch die Peristaltik der Masse wieder nach außen drücken und atmen erstmal durch.

Gegenüber ist die Lotta, da spielt eine Band aus der Schublade „Türkischer Indie-Folk“, was mir gar nichts sagt, mich aber neugierig macht. In der Lotta ist die Welt noch in Ordnung. Die jungen Menschen sitzen brav auf Bänken an Tischen, und wir dürfen uns direkt an die Theke setzen, wo wir zum ersten Mal an dem heutigen Abend etwas trinken.

Direkt hinter uns hat die Band ihre Instrumente aufgebaut. Ich komme mit dem Sänger von „Kent Coda“ ins Gespräch. Ögünc Kardelen auf die Frage, was er von diesem Auftritt erwartet: „Nette Zuhörer, neue Fans, einen schönen Abend.“ „Und viel Geld und Ruhm“, wirft sein Bandkollege Christoph Guschlbauer grinsend ein. Die beiden springen auf die Bühne, und Ögünc beginnt zu singen. Hier ist mein Moment. Das ist der Geist des Kneipen-Marathons. Für mich. Die Musik ist so anders und doch so vertraut, denn die beiden mischen alternative Musik, wie man sie als eurozentrierter Mensch kennt, mit türkischem Gesang, den ich sonst nur in leiernden Gesängen oder mit zu vielen Synthesizern unterlegt kenne.

Als Basedrum dient ein Koffer, das finde ich genauso charmant wie den ganzen Auftritt. Doch leider gibt es da noch diesen Plan, dem wir folgen müssen, und schweren Herzens trenne ich mich von Kent Coda, um weiter durch den Regen zu laufen, ins Ferkulum. Vor dem Kajtek stehen Männer, die aussehen, als seien sie vom Ordnungsamt. Beim Näherkommen entpuppen sie sich als Türsteher. Im Eingangsbereich des Kajtek ein Brief des Ordnungsamtes an den Besitzer, dass die Gäste doch bitte nur ohne Getränke auf die Straße gehen dürfen. Die Türsteher passen also auf die Getränke auf.

Im Kajtek, das auch sehr gut besucht ist, wurde der linke Teil des Lokals zum Bühnenbereich. Hier toben die Duff Boyz, die auch die einzigen sind, die Merchandise dabei haben. Die Wand hinter ihnen ist tapeziert mit Band-Shirts, die man für 15 Euro kaufen kann. Der Sänger ist ein echter Hingucker, ein großer, schwerer Mann mit langen Locken, die er durch die Luft schleudert, der ganze Mann bewegt sich laut und viel, röhrt und rockt, und diese Naturgewalt nimmt die begeisterte Barbara so in Beschlag, dass sie zwei Lieder durchfotografiert. Ich stelle mich derweil neben den Türsteher und betrachte das Treiben. Ältere, polnisch sprechende Paare gehen wie selbstverständlich in den Laden rein, wohl Stammgäste der polnischen Vodka Bar. Andere Grüppchen hören die Musik im Vorbeigehen, nicken sich zu und gehen rein in das Lokal, weil die Musik gefällt. Es wird „Sweet Home Alabama“ geröhrt, und jeder Gast fühlt sich wie aus den Südstaaten. Südstaaten oder Südstadt?

Im Erdmanns ist es heller und überschaubarer. Zwei Menschen auf der Bühne, ein mittelalter Herr mit Hut und Gitarre, und eine junge Frau, die engelsgleich singt und einen starken akustischen Kontrast zu dem Sänger der Duff Boyz bildet, der mir noch im Ohr hängt. Sie singt den Hit „Skinny Love“ noch zerbechlicher als Birdy, und ich frage die Wirtin, wer das denn ist. „Tom Words“, sagt sie. Ach, Tom Words. Von dem habe ich schon so viel gehört, aber noch nie ihn selbst und seine Musik. Jetzt wohl als Duo? Ganz bezaubernd. Ich wünsche mir mehr Publikum für diese zarte Vorstellung und poste in der facebook-Gruppe „Tom Words spielt im Erdmanns. JETZT!“. Aber wer das jetzt liest, hat wohl schon die Schlafanzughosen an. Barbara stürzt sich auf den Baum, der sich aus einem Fenster in den Gastraum bohrt, ein absoluter Blickfang, dekoriert mit Lichtern und Vögelchen, und dazu singt Birdy, pardon, das junge Mädchen neben Tom Words einen Hit von Bruno Mars, aber filigraner und schöner. Hach!


Wir laufen quer durch die Südstadt wieder zurück in den Spielplatz, sehen das letzte Lied der Brausen, ich verliebe mich sofort in die schönen Frauen und ihre Kostüme, die ich auch gerne auf der Stelle tragen möchte. Sie singen von Sehnsucht und Kölsch, und alle Gäste, die sich um die Frauen gruppiert haben, verstehen jedes Wort mit dem Herzen. 
Aber was ist mit dem Backes? Ich wollte doch noch die No Apps sehen, die kenn ich persönlich und die mag ich und kann sie nur allen empfehlen. Wir laufen schnell hin.

Schon in der Tür sehen wir durch das Glas: Voll, voll, voll. Ich öffne die Tür, und die Musik ergießt sich in einem Schwall auf die Straße. 20 Zentimeter vor mir weiter steht schon Jens Rosskothen, der Local Hero der Gitarre, neben Alpin Müller, der charismatischen Sängerin, und sie intonieren als Teil eines Mash-Up-Liedes „Sweet Home, Alabama“. Barbara fotografiert die Band, aber da kommt auch schon ein Mitarbeiter des Backes und macht uns die Tür vor der Nase wieder zu. Zu laut, weil Tür auf.

Enttäuscht gehen wir weiter, streifen die Opera, wo entgegen unserer Erwartungen doch eine Band live spielt. Der Regen hat sich mittlerweile gelegt, es ist nur noch kalt, und die Trauben der Raucher, die vor den Läden stehen, werden größer. In der Ubierschänke spielen Sösterhätz, aber der Laden ist so voll, dass wir den Schwestern nur durch die Scheiben zusehen. Burleske Damen, die entzückende Kostüme tragen und von einer dreiköpfigen Band begleitet werden. Das Publikum ist begeistert. Aber weiter, immer weiter müssen wir. Oder sind wir durch? Jo. Jetzt mal auf Toilette. Ich entscheide mich für das Coellner. Da steht jetzt ein kostümierter Mann an der Tür, der uns freundlich begrüßt. Karnevalsmusik. Tatsächlich. Die Jugend steht noch etwas unschlüssig in der Gegend rum, trägt brav das Kölsch in der Hand und geht auch aus dem Weg, wenn ich vorbei möchte. Na, geht doch!

Einen Schlummertrunk möchten Barbara und ich noch einnehmen, aber wo? In der Lotta treffen wir nochmal Ögünc, der wissen möchte, wie er im Vergleich mit den anderen Bands war. „Ihr habt nicht „Sweet Home Alabama“ gespielt. Das habe ich heute schon mehrfach gehört.“ - „Dabei spielt Ihr das sonst doch immer!“, zwinkert ein Freund, der sich dazu gestellt hat. Barbara und ich verlassen die Lotta, weil voll, und setzen uns ins ecco, weil leer. Wir trinken einen Weißwein, kauen auf trockenen Grissinis, denn die Küche hat schon zu, und genießen die Stille. Als wir uns gegen Mitternacht auf den Weg nach Hause machen, stehen wir noch kurz vor der Torburg. Dort läuft mittlerweile die Musik vom Band. Ich traue meinen Ohren kaum: „Sweet home Alabama, where the skies are so blue, sweet Home Alabama, Lord, I'm coming home to you.“ 
Genau, ab nach Hause. Und nächstes Mal bitte weniger Sweet Home Alabama und mehr Sonne!

Alle Fotos von Barbara Siewer.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Meine Südstadt

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