Hanni und Nanni besuchen eine Ausstellung

50 Jahre lang war Nikolaus Moras Illustrator beim Schneiderbuch-Verlag, verantwortlich für die bekannten Zeichnungen und Buchcover von ‚Hanni und Nanni’, ‚Dolly’, ‚Burg Schreckenstein’, ‚Tina und Tini’ und viele mehr. Er ist extra zur Eröffnung der Ausstellung seiner Original-Illustrationen in der Galerie MaJourie (wo man sie auch kaufen kann) aus München angereist. Wir haben ihn und seine beste Freundin Sabine Dissel (Autorin) nach der Lesung ihres Kinderbuchs ‚Otto Panini’ getroffen und mit beiden gesprochen.

Meine gekaufte Illustration und das Buch dazu / Foto: Richard Klein

Lieber Herr Moras, wie hat das mit der Arbeit als Illustrator bei Ihnen angefangen? Nikolaus Moras: In der Akademie des grafischen Gewerbes in München habe ich nichts gelernt. Aber ich habe dort festgestellt, dass ich gut figürlich zeichnen kann. Ein Mitschüler versuchte sich in der abstrakten Kunst. Ein anderer hatte einen zittrigen, nervösen Stil. Das war seine Masche, die kam gut an und wurde von den anderen imitiert. Ich war aber einfach zu brav für sowas. Ich zeichnete weiter figürlich. Nach der Grafikerschule lernte ich eine Frau kennen und wollte mit ihr per Anhalter um die Welt reisen. Dann rief mich ein Freund an: der Herr Lorenz hätte angerufen und wolle, dass ich für ihn arbeite. So arbeitete ich in dessen Grafik-Atelier. Zehn Jahre lang. Ich zeichnete hauptsächlich im belletristischen Bereich für Taschenbuchverlage. Dann wollte ich mich selbstständig machen und zog mit meiner Freundin nach Rom in eine Pension. Die Freundin ging nach einiger Zeit wieder nach Deutschland zurück, aber ich blieb in Rom. Daraus wurden 50 Jahre. Ich fand ein Atelier, aber dort arbeiteten sie unsolide, und so musste ich zigmal den Kunden wechseln.

Im Gespräch mit Sabine Dissel und Nikolaus Moras / Foto: Richard Klein

Wie begann Ihre Arbeit für ‚Hanni und Nanni’? Ich bekam den Auftrag vom Schneiderbuchverlag, für das erste Buch zwei Entwürfe zu machen. Die wurden gleich beide genommen, jeder für ein Buch. Und dann kam die Anfrage für ‚Hanni und Nanni’. Es war Hochsommer, ich lebte in einer Dachgeschosswohnung, und der erste Titel, den ich entwarf, wurde abgelehnt. Ich machte einen zweiten Entwurf, und auch der wurde abgelehnt. Es war so unerträglich heiß und anstrengend in der Gluthitze, und dann versuchte ich es noch einmal, und der dritte Titel wurde dann genommen. Ab dann jagte ein Buch das andere. Ich schaffte bis zu drei Zeichnungen am halbem Tag. Die Geschichten musste ich immer komplett lesen, die Typen mussten mir zusagen. Wenn die erste Illustration gut lief, dann frohlockte ich. Mein Auftrag war neben dem Titel auch immer sechs ganze Seiten für ein Buch zu zeichnen. Ich konnte mir das dann aufteilen: 12 halbe Seiten, oder eine ganze Seite und dementsprechend halbe Seiten. Ein Freund gab mir den Tipp, ich solle mir aus Zeitschriften Fotos ausschneiden von Szenen, Motorrädern und all den nicht-figürlichen Dinge, die mir schwerfielen, sie aus dem Kopf zu zeichnen. Und so legte ich mir ein dickes Archiv an, das ich heute noch benutze. Im ersten Band sitzen ‚Tina und Tini’ da und essen Eis. Das habe ich komplett einem Foto aus einer Zeitschrift nachempfunden.

Foto: Richard Klein

Im ersten Buch von ‚Burg Schreckenstein’ sollte eine Ritterrüstung aus einem Schrank fallen. Ich machte daraus ein Skelett. Das kam sehr gut an. Ab dann zeichnete ich ein Schreckensteinbuch nach dem anderen. Bei den ersten ‚Tina und Tini’-Bänden habe ich, um eine neue Herausforderung zu haben, mit einer aufwändigen Schraffiertechnik begonnen, die ich dann leider in den weiteren Bänden komplett weiterführen musste. Ich fertige zahlreiche Bücher an, und dann sagte ich dem Verlag: „Wenn beide durch einen Lustmord im nächsten Band sterben, zeichne ich Euch den letzten Band umsonst.“ Leider haben sie meinen makabren Humor nicht verstanden.

Sabine Dissel und Nikolaus Moras in der Galerie MaJourie / Foto: Richard Klein Sabine Dissel, Autorin und Dramaturgin aus Hamburg (schrieb die Bühnenfassung von ‚Dracula’ für das Theater am Sachsenring) las am Sonntag aus ihrem von Nikolaus Moras illustrierten Kinderbuch: „Das Buch hat viel mit der langjährigen Freundschaft zwischen uns beiden zu tun. Der Patenonkel meiner besten Freundin aus meiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr war Nikolaus Moras, ein cooler Typ, der in Rom lebte. Wir besuchten ihn nach dem Abitur mit dem Zug. Diese Reise wird in meinem Buch ‚Otto Panini’ (ein Wortspiel: „Otto Panini“ heißt auf deutsch „acht Brötchen“) durch einen kleinen Jungen nachempfunden, der seinen Opa in Rom besucht. Eine Szene ist der Realität entnommen: Der Dialog (im Buch zwischen Otto und Opa, in Wahrheit zwischen Nikolaus und mir): Opa/Nikolaus: „Ich bekomme als Statist beim Film 100 Mark am Tag.“ Otto/Sabine: „Kein Wunder, dass die Filme so teuer sind, wenn jeder popelige, kleine Statist 100 Mark bekommt.“ Opa/Nikolaus (eingeschnappt): „Ich bin nicht klein und popelig.“ Wir sind aber immer noch beste Freunde. Vielen Dank für die Gespräche.

Update: Nikolaus Moras starb am 17. März 2017.

Das Interview erschien zuerst auf Meine Südstadt.

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