„Der beste Glühwein ist der, den man selbst macht“

Schon lange hatte ich große Lust, mit einem Weinkenner durch die kölschen Kneipen zu ziehen und mir von offizieller Seite bestätigen zu lassen, was ich schon immer ahne: Richtig guten Wein gibt es dort selten, und wenn ja, dann viel zu teuer. Und was ist eigentlich ein richtig guter Wein?
 „Einen richtig guten Wein erkenne ich daran, dass ich eine zweite Flasche davon trinken möchte“, sagt Sebastian Georgi, und der muss es ja wissen.

Wer vier Jahre als Sommelier im Schloß Lerbach bei 3-Sterne-Dieter Müller und drei Jahre als Chef-Sommelier im 2-Sterne-Restaurant im Hotel am Wasserturm gearbeitet hat, muss einfach eine Menge von Wein verstehen. Georgi lebt in der Südstadt, führt die "Pizzabuden" (Eigenaussage) 485Grad mit preisgekrönter Weinkarte und hat sich bereit erklärt, mit mir zusammen über die Glühwein-unter-freiem-Himmel-Angebote der Südstadt zu schlendern und mit mir eine Verkostung zu machen. Dabei möchte ich von ihm auch etwas mehr über seine Arbeit und gute Weine erfahren. Wir starten am Chlodwigplatz: 3€/Glas, 3€ Pfand, getestet: rot Ich kaufe am Stand roten Glühwein, weil mir nicht auffällt, dass es auch weißen gibt. Wir stellen uns an einen Stehtisch und beginnen mit der Verkostung. Sebastian riecht und probiert: „Der Glühwein hat viel Süße und auch einen gewissen Alkohol. Für Leute, die gerne viel davon trinken möchten, ist die Süße gut. Durch sie wird der Geschmack kompatibel. Der Glühwein schmeckt kirschig, allerdings nicht nach Wein.“

Wie würde denn der ideale Glühwein schmecken? „Man braucht ein gutes Ausgangsprodukt. Die Flasche darf auch ruhig 20€ kosten. Für das, was dann dazu kommt, hat jeder sein eigenes Rezept. Mit Nelken, Zimt, Orange und Apfel bekommt man eine schöne Aromatik hin. Dazu können die Apfelscheiben mit Zimt gespickt werden. Noch ein bisschen Kirschwasser rein für den Wumms, und einen Schluck Rum für die Süße. Süße muss rein, sonst wird es von den Tanninen her zu sauer.“ Wir laufen die Severinstraße hoch Richtung Severinskirchplatz und kommen zur

Außenstelle des Severin: 2,50€, kein Pfand, weil Styroporbecher, getestet: rot und weiß. Hier bestelle ich zwei Glühweine: einen roten und einen weißen. Das Erste, was auffällt, sind die Styroporbecher. „Naja, nachhaltig ist das schon mal nicht“, sagt Georgi, dem in seinen Restaurants auch Umweltschutz wichtig ist. Dafür duftet es aus den Bechern intensiv weihnachtlich. Sebastian: „Der Rote riecht nach Gewürzen. Eine frische Gewürz-Aromatik. Ein bisschen auch diese Zahnarzt-Aromatik, das kommt durch die Nelke. Der Wein selbst gibt etwas Curryaroma dazu, und auch Wacholder.“

Ich rieche dran: Tatsächlich: es riecht leicht nach Curry. „Der Glühwein hier ist auch süß, aber nicht so süß wie der eben.“ Und wie schmeckt der weiße Glühwein? „Hier rieche ich auch Curry und ein bisschen Zitronengras raus, ein tolles Gewürz-Aroma. Wenn man mehr Süße will, macht man einfach noch ausgekochten Orangensaft rein.“

Sebastian Georgi vorm Glühweinstand am Severin, Foto: Dirk Gebhardt

Wir verlassen die Severinstraße und laufen rüber zum Rheinauhafen. Wie kommt man auf die Idee, Sommelier zu werden? Das ist ja nicht gerade der klassische Traumberuf, den man als Zehnjähriger hat.
 „Als ich zehn war, wollte ich Sportreporter werden. Später machte ich eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Ich habe dann im Sauerland in einem 1-Sterne-Restaurant gearbeitet und kümmerte mich dort als Azubi um den Weinkeller. Dann durfte ich an vielen Wettbewerben teilnehmen, bei denen ich immer der Jüngste war. Und jetzt bin ich seit 20 Jahren im Geschäft.“ Ist er ein Kind der Gastronomie?


„Meine Eltern haben nichts mit der Gastrowelt zu tun. Ich habe meiner Mutter zu ihrem 50. Geburtstag eine Flasche Veuve Cliquot Grand Dame geschenkt. Die musste ich dann alleine austrinken. Sie bevorzugt Rotkäppchensekt. Irgendwann habe ich dann aufgegeben, sie missionieren zu wollen“, lacht er. Wir erreichen den maritim angehauchten Hafenweihnachtsmarkt, wo es viel Fisch, Champagner, aber auch einen gut frequentierten Glühweinstand gibt. Rheinauhafen: 2,50€/Glas, 2,50€ Pfand, getestet: rot und weiß

Sebastian Georgi auf dem Weihnachtsmarkt vorm Schokoladenmuseum, Foto: Dirk Gebhardt

„Der rote Glühwein hat gar keine Gewürze. Man riecht nichts. Er ist süß und sehr ausbalanciert, und ich würde mich nicht wundern, wenn wir unter der Theke die Glühweinflaschen vom Nürnberger Christkindlmarkt finden. Der weiße Glühwein ist sehr gut, noch besser als der im Severin.“
 Tatsächlich werden durch die etwas stärkere Brise die Tassen sehr schnell kalt, und somit der Glühwein darin auch. „Ein Glühwein sollte heiß getrunken werden. Wie bei einer guten Tasse Kaffee sollte man einfach die Tasse vorher heiß ausspülen, damit der Wein nicht so schnell erkaltet.“ Ist der Preis eigentlich immer ein Garant für Qualität: je teurer, desto besser? „Der Unterschied zwischen einem 5€-Wein und einem 10€-Wein ist gravierend schmeckbar. Der Unterschied zwischen einem 30€-Wein und einem 50€-Wein ist auch schmeckbar, allerdings nicht mehr so gravierend. Der Preis ist also tatsächlich ein guter Anhaltspunkt. Du schmeckst bis zu einem Preis von 100€ für die Flasche jeden einzelnen Euro.

Bei Flaschen über 100€ geht es eher um die Menge: wenn ein Winzer bei einem kleinen Acker einen sehr guten Wein erzielt, aber nur 1.000 Flaschen davon herstellen kann und tausende Menschen diesen Wein haben möchte, dann kann er die Preise diktieren. Es gibt genug Menschen, die viel Geld für Wein ausgeben können und wollen."

"Wenn ich Wein kaufe, dann gebe ich um die 10€ pro Flasche aus“, sage ich. „Der durchschnittliche Deutsche gibt knapp 2€ pro Flasche aus. Damit liegst Du also schon 500% über dem Durchschnitt. Wenn man bei 2€ pro Flasche die Glasflasche, den Transport und den Vertriebsaufschlag abzieht, kann man sich ausrechnen, welche Qualität in dieser Flasche steckt. Bei einem Bordeaux würde ich auch dazu raten, auf jeden Fall 10€ für die Flasche auszugeben, um eine gewisse Qualität zu erhalten. Man muss sich eben überlegen, welche Qualität man haben und wieviel Geld man für seine Ernährung ausgeben möchte. Es ist wie bei allem im Leben: auf die richtige Balance kommt es an.“

So sehe ich das auch. Und weil wir gerade so eine schöne Balance haben, hören wir hier mit der Glühweinverkostung auf. Ich bedanke mich bei Sebastian Georgi für die vielen Erkenntnisse und wünsche der Südstadt noch schöne, weihnachtliche Momente in den Kneipen und den Märkten mit einem schönen Glas Glühwein. Denn an Heiligabend ist alles vorbei.

Der Artikel erschien im Dezember 2015 bei Meine Südstadt

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