Braucht jede Schule einen Schulsozialarbeiter?

Eine Freundin, die im Jugendamt arbeitet, sagte mir mal: "Der Druck, der durch Schule entsteht, kann komplette Familien sprengen."

In drei Wochen gibt es in NRW die Halbjahreszeugnisse. In vielen Familien ein Grund zur Freude, in vielen Familien ein Grund zur Sorge. Und weil sich immer noch Kinder wegen schlechter Schulnoten das Leben nehmen, ist hier wirklich Gelassenheit von Seiten der Eltern gefragt. Von Sorgen gequälte Kinder und Jugendliche können die "Nummer gegen Kummer" anrufen. Der Kinderschutzbund hat diese Telefonnummer etabliert, die anonym und kostenfrei immer Montag bis Samstag von 14-20 Uhr besetzt ist.

Die Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111

Im Sommer vor zwei Jahren traf ich mich für www.meinesüdstadt.de mit Dr. Gregor Raddatz. Er ist unter anderem systemischer Familientherapeut und Leiter der Übermittagbetreuung (kurz: ÜMI) am Humboldt-Gymnasium. Seit 2009 leistet er an der Schule nebenbei auch Aufgaben, die eigentlich ein Schulsozialarbeiter übernehmen sollte - doch es gibt offiziell keinen Schulsozialarbeiter am Humboldt-Gymnasium.

 Hier zum Interview, das am 4. Juli 2014 erstmals auf MeineSüdstadt erschien.

Wir treffen uns auf eine halbe Stunde in einem Café. Mein Interviewpartner kommt direkt aus der Schule und entschuldigt sich für die Verspätung: Er habe mit seinem Team noch über die Konflikte zwischen zwei Klassen beraten müssen. Im Anschluss an unser Gespräch habe er dann noch einen Beratungstermin mit den Eltern eines Schülers.



Foto: Tamara Soliz

Herr Raddatz, früher gab es keine Schulsozialarbeiter, sondern nur Vertrauenslehrer, wenn überhaupt. Heute ruft ver.di nach einem Sozialarbeiter pro Schule. Was ist geschehen?


Unsere Gesellschaft wird komplexer. Lehrer und Eltern können sich nicht mehr in dem Maße um die Kindererziehung kümmern, wie es früher der Fall war. Beide Elternteile sind z.B. voll berufstätig oder die Lehrer müssen zunehmend Verwaltungsaufgaben übernehmen. Auch haben wir an den Gymnasien allgemein mehr Leistungsdruck durch G8. Zudem gibt es immer weniger klassische Familienstrukturen und immer mehr Patchwork. Besonders stressig ist die Situation für Alleinerziehende, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Des Weiteren gibt es versteckte Armut, aber auch Fälle von Wohlstandsverwahrlosung usw.



Am Humboldt haben wir ein Beratungsteam, das aus speziell ausgebildeten Lehrern und meiner Person besteht. Wir beraten einzelne Schüler, kleine Gruppen, Klassen, Lehrer und Eltern. Es finden viele Klassenberatungen in Konfliktsituationen und bei Mobbing(verdacht) statt. Und wenn wir mit einer Klasse arbeiten, sind mit Schülern, Lehrern und Eltern gleich bis zu hundert Personen an dem Prozess direkt oder indirekt beteiligt.



Was sind die klassischen Aufgaben eines Schulsozialarbeiters?


Es geht z.B. um Beratung in Konflikt- oder Krisensituationen. Wir beraten Schüler und Eltern, wenn es zu schulischen oder häuslichen Problemen kommt und vermitteln auch Therapiemöglichkeiten.



Eine weitere Aufgabe ist der Blick auf das Kindeswohl: Wenn wir eine Kindeswohlgefährdung vermuten, arbeiten wir eng mit Beratungsorganisationen und dem Jugendamt zusammen.



Außerdem benötigen finanzschwache Familien in vielen Fällen auch eine Unterstützung bei der Beantragung von öffentlichen Geldern, etwa aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Eine pädagogische Fachkraft aus dem Team unserer Übermittagbetreuung kümmert sich beispielsweise intensiv darum, Köln-Pass-Inhaber bei der Beantragung von Zuschüssen für ein ermäßigtes Mittagessen zu begleiten.



Die Nummer gegen Kummer für Eltern: 0800 111 0 550

Ver.di fordert ja für jede Schule einen unbefristeten Sozialarbeiter. Ist das nicht eher nur an Brennpunktschulen notwendig?


Jeder Schule täte es gut, eine pädagogische Fachkraft zu haben, die keine Noten gibt und so ein wenig unabhängiger die Schüler, Lehrer und Eltern beraten kann oder auch mal zwischen den Beteiligten vermittelt.



Schulsozialarbeit ist also ein Fulltime-Job. Und es gibt am Humboldt keine offizielle Stelle dafür?


Ich bin in Vollzeit angestellt als Leiter der Übermittagbetreuung und arbeite in der Funktion 40 Stunden in der Woche. Dazu kommen manchmal bis zu 20 Stunden in der Woche, in denen ich zusätzlich klassische Aufgaben eines Schulsozialarbeiters übernehme. Denn der Bedarf ist zweifellos da!


Zählt man die Stunden einer anderen pädagogischen Fachkraft hinzu, die diese zur Unterstützung von Köln-Pass-Inhabern bei der Beantragung des ermäßigten Mittagsessens über das Bildungs- und Teilhabepaket aufwendet, dann kommen an unserer Schule Stunden für mindestens eine halbe Schulsozialarbeiterstelle zusammen.



Was haben Sie heute getan?


Es gab heute unter anderem einen Konflikt zwischen zwei Klassen, da habe ich mit Betreuern und Lehrern über ein sinnvolles Vorgehen beraten. Der Schwerpunkt der Lehrertätigkeit ist das Unterrichten. Lehrer haben oft realistischerweise nicht die Zeit, sich intensiv um die Lösung von größeren Konflikten in Klassen zu kümmern. Sie sind dann ganz dankbar, wenn sie von außen noch eine entsprechende Unterstützung erfahren und mit den Problemen nicht alleine gelassen werden.


Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr im Netz:

Was ist Schulsozialarbeit?

Das Interview erschien zuerst auf Meine Südstadt.

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