Die klassische Eckkneipe stirbt aus

„Eine Kneipe ist für mich sowas wie der Bauch des Wals, in dem der kleine Pinocchio eine gewisse Zeit verbringt. Du bist in einer anderen, dunklen und abgeschlossenen Welt, aus der man vielleicht noch hinaus, in die man aber nicht hineingucken kann. An der Theke mit Blick auf den Wirt wirkt die Welt überschaubar, ein eigener, sozialer Kreis. Auch der Alkohol, in Maßen genossen, trägt einen aus der Welt fort.“

Ich treffe Bernd Imgrund im WIPPNBK. Anstatt eines Walfischbauchs ein großes, helles, offenes Café. Ein bekannte Schauspielerin sitzt drei Tische weiter, ein kleines Kind spielt neben seiner Mutter, alles ist freundlich und lichtdurchflutet.

Foto: Tamara Soliz

Bernd Imgrund ist Autor. Er schreibt Romane, zehn Jahre lang eine wöchentliche Kolumne auf der Webseite des emons-Verlags und etliche Sachbücher. Die Reihe „111 Orte/Kneipen/etc.“ erfand er, seine Frau machte die Grafik, und seine „111 Kölner Kneipen, die man kennen muss“ werden jährlich neu aufgelegt.

Was hat es mit dem Buch „111 Kölner Kneipen“ auf sich?

Das Buch handelt von alten historischen Kneipen, gerade auch am Rande von Köln. Ich war in Stammheim, in Bickendorf, in Meschenich, in Worringen, in Flittard usw., und da machen die reihenweise zu, die schönen alten Dinger. Das Buch wird fast jedes Jahr neu aufgelegt, und ich muss von den 111 Kneipen immer 10 neu aufnehmen, weil 10 wegfallen.

Wenn die 80-jährige Wirtin stirbt, gibt es keinen Nachfolger. Die Kneipe wird zu Wohnraum. Wie in Raderthal das ‚Räderscheidt’. Das gab es hundert Jahre, vier Generationen lang, zuletzt mit Fritz und Roswitha. Das war alles in Familienhand. Die Bauern kamen morgens früh um 4 Uhr aus Brühl und dem Vorgebirge zum Großmarkt gefahren, und auf dem Weg hielten sie bei Oma und Mutter von Fritz, die aus dem Fenster raus Kölsch und Korn verkauften. Das war ein richtig historischer Laden, und der ist jetzt einfach weg. Es sollen Studenten-WGs reinkommen.

Die Ubierschänke in der Kölner Südstadt, Foto: Rembert Satow

Die ‚111 Kölner Kneipen’ ist eine journalistische, aber auch eine historisch bewahrende Arbeit. Ich versuche, damit Kölner Alltagskultur aufzuspüren. Mir geht es nicht darum, wieviel das Kölsch kostet und wie das Schnitzel schmeckt, sondern um die Geschichte des Ladens.

Im Zuge dessen entstand dann auch das Buch ‚Kein Bier vor vier’?

Das ist auch meiner Kneipenaffinität geschuldet, aber etwas ganz Anderes. Es ist auf der Grenze zwischen Roman und Journalismus, eine lange Reportage.

Ich verbrachte 100 Tage in deutschen Kaschemmen, und ich habe mir nur die Kneipen in Kleinstädten ausgesucht, die schon morgens um 8 Uhr aufmachen, wo schon die Jungs Bier und Schnaps saufen.

Die Berufsalkoholiker.

Jo, die meisten sind wahrscheinlich Alkoholiker. Aber dieser Menschenschlag ist in der Literatur nicht besonders präsent. Außerdem hat ein 80-jähriger Säufer mehr zu erzählen als ein 18-jähriger Yuppie. Ich konnte da einige tolle Storys sammeln. In jedem Kaff verbrachte ich eine Woche und habe dann jeweils zwanzig Seiten darüber geschrieben.

Gibt es Unterschiede zwischen Bayern und Schleswig-Holstein? Ja und nein. In diesen Kneipen war es deutschlandweit so, dass du relativ schnell Kontakt kriegst. Man sagt ja, in Berlin und in Norddeutschland gucken sie Dich mit dem Arsch nicht an, da kannst du zwei Jahre hinlatschen, ohne Kontakt zu kriegen, und in Köln haste nach fünf Minuten einen an der Backe kleben. Das mag im Allgemeinen zutreffen, aber nicht unter alten Säufern und Säuferinnen (da waren auch viele Frauen dabei). Gerade wenn du Dich als Kölner vorstellst. Kölner sind wirklich beliebt, da fangen die Leute gleich an, Bläck Fööss zu singen. Es war quer durch Deutschland gleich einfach, Kontakt zu kriegen.

Das sind ja keine Szene-Kneipen wie in der Südstadt, wo man untertaucht. Wenn du beim Heinz auf Helgoland in den Laden gehst, wo immer dieselben sitzen, dann wissen die sofort Bescheid: Da ist ein Neuer!

Die klassische Eckkneipe stirbt aus. Es gibt natürlich immer noch genug. Und solange ich lebe, wird es die geben. Aber der Trend ist unverkennbar.

Angestoßen durch das Rauchverbot? Ach, an das Nicht-Rauchen gewöhnt sich ja jeder. In Irland gab es das schon zehn Jahre vorher, das kriegen ja alle hin. Es wird eher angestoßen durch einen Generationenwechsel. Auch in England machen die Pubs zu und werden zu Bistros. Die Butzenscheiben werden entfernt und durch große Glasfronten ersetzt. Auch hier. Die Jugendlichen trinken draußen Flaschenbier oder wollen drinnen am Tisch sitzen, in einem Laden mit offenem, bistroartigem Charakter. Frauen gehen auch in Kneipen und mögen es freundlicher, keine düsteren Höhlen, die nach feuchtem Bierfilzen stinken. Alles wird offener.

Foto: Tamara Soliz

Wann hattest du Dein erstes Kölsch? Ich wuchs in Klettenberg auf, und parterre hatte meine Tante Käthe eine Kneipe. Ich wurde in St. Bruno getauft, und bei der Tante wurde gefeiert. Da hat mich mein Vater unter den Zapfhahn gehalten und mir Kölsch über den Kopf laufen lassen: „So, jetzt bist du ein echter Kölner!“ Wenn mein Vater früher beim Frühschoppen Skat spielte und ich mitging, bekam ich Bierschaum im Schnapsglas.

Wie schmeckt die perfekte Frikadelle? So wie die im Backes. Eine würzige Frikadelle nach 2-3 Kölsch kann schon der Hammer sein. Mit mindestens scharfem Senf oder einer Auswahl an Senf. Da kriegt man wieder gut Durst.

Was macht einen guten Kneipenabend aus?

Wie beschrieb noch Harald Juhnke den perfekten Tag: Keine Termine und leicht einen sitzen. Dieses Szenario ermöglichen dir Kneipen.

Dieses Interview erschien zuerst in Meine Südstadt.

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