"Haben Sie Ihr Kind heute schon gelobt?“

So stand es früher mahnend auf Aufklebern, die man am Heck von Autos lesen konnte (kann man hier noch kaufen). Astrid Lindgren soll mal gesagt haben, dass man in Kinder nichts hineinprügeln, aber vieles herausstreicheln kann. Das Gleiche gilt übrigens für jeden einzelnen von uns. Haben wir nicht alle ein Lobdefizit, wie Funny van Dannen singt? Wann hat Dir das letzte Mal jemand gesagt, dass etwas an Dir liebenswert ist? Und wann hast Du das letzte Mal jemandem ein Kompliment gemacht? Denn es macht ja nicht nur Freude, gelobt oder zumindest „gesehen“ zu werden, sondern auch, andere zu loben und sie zu „sehen“.

Ich versuche jetzt, den Menschen in meinem Alltag in die Augen zu schauen. Macht das mal. Beim Bäcker. An der Kasse im Supermarkt. Dazu braucht man schon manchmal etwas Mut. Zumindest Überwindung.

Alleine jemandem in die Augen zu schauen, ihn wirklich anzuschauen, kann etwas Revolutionäres sein. Marina Abramović hat es zu einer großen Performance gemacht. Vom 14. März bis 31. Mai 2010, während das New Yorker Museum of Modern Art eine Retrospektive ihrer Arbeiten zeigte, fand dort nämlich gleichzeitig ihre Performance „The Artist is Present“ statt. Insgesamt 721 Stunden saß sie im Atrium des Museums an einem Tisch und sagte nichts, und ihr gegenüber setzte sich jeweils ein Besucher auf einen Stuhl. Sie blickte in den Tagen und Wochen rund 1.500 Menschen in die Augen. Dadurch ergaben sich unfassbare Szenen. Besonders ergreifend, als ihr ihr alter Liebhaber und Performance-Partner Ulay gegenüber trat und beide nichts tun konnten, als sich tief in die Augen zu schauen.

Seht Euch Eure Kinder an. Seht Eure Liebsten an. Seht ihnen in die Augen. Sagt ihnen, was Euch an ihnen gefällt. Lobt sie. Jeden Tag. Wer soll es sonst tun? Und lobt Euch selbst. Seid gut zu Euch. Wer soll es sonst tun? Und tut Euch was Gutes, indem Ihr etwas Gutes esst. Und vielleicht lobt Ihr ja auch mal den Koch, wenn es lecker war. Der freut sich auch, wie ein Kind.
 Der Text erschien als Newsletter bei Meine Südstadt und als Gastbeitrag bei ohfamoos.

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