Liebe Deine Stadt

Jeder Mensch wohnt irgendwo. An einem Ort. In einer Stadt. Bisher hat man dem Umstand nicht sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet, aber es ist so, dass man zu seinem Wohnort eine Beziehung hat. Mit ihm eine Beziehung führt. Es gibt genauso viele unterschiedliche Beziehungen zu Orten wie Beziehungen zu Menschen. Betrachten wir doch einmal die Liebesbeziehungen, die man zu einer, vielleicht sogar zu seiner Stadt haben kann.

Ich liebe Hamburg. Und Hamburg liebt mich. Eine innige Liebe, die von Gegenseitigkeit geprägt ist. Alle schönen Dinge, die man als Mensch erleben kann (Liebe, Sex, Abenteuer, Angenommen-werden) habe ich in Hamburg erlebt. Hamburg ist meine Stadt. Ich zog vier Jahre nach meinem Abitur wegen meines Studiums dorthin, zusammen mit meinem damaligen Freund, der sogar Onkel und Tante dort wohnen hatte. Als ich ankam, war ich von der Höflichkeit der Menschen fasziniert. Und jeder sprach Hochdeutsch. Für mich, die ich unter pfälzischen Mundartlern groß geworden war, eine akustische Wohltat. Jeder Tag in Hamburg war ein schöner Tag. Ich erinnere mich noch nicht einmal daran, dass es geregnet hat. Es gibt viele Parks in Hamburg und viele Brücken, angeblich mehr als in Amsterdam und Venedig zusammen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich habe nie die Brücken gezählt, wenn ich in Städte kam.

In Hamburg fühle ich mich am Leben. Wenn man auf der Reeperbahn die Nacht durchmacht und im Morgengrauen zum Fischmarkt läuft, um dort gemeinsam im Lokal der „Singenden Wirtin“ schlüpfrige Lieder über „Gruppensex im Altersheim“ zu singen, dann sind das so intensive Momente, dass man sie nie wieder vergisst. Angeblich soll es den Laden nicht mehr geben. Die Wirtin lebt jetzt im Altersheim. In der Stadt haben sowohl die Blankeneser Millionäre als auch die Bauwagenpunks in Altona diese hanseatische Gelassenheit und Stil.

Ich lernte viele unterschiedliche Menschen kennen: Redskins (das sind die linken Glatzköpfe, die zu schwarzer Ska-Musik tanzen), Punks, Hausbesetzer, Künstler, Musiker, DJs und Drogenbeauftragte. Ich hatte sehr viel Freude am Leben in Hamburg. Eines Tages bekam ich ein lukratives Arbeitsangebot in Süddeutschland, und so verließ ich Hamburg und meinen Freund.

Solch eine große, gegenseitige Liebe wie zwischen mir und Hamburg ist die Krönung. Das Ideal. Das Ziel. Die Spitze der Schaubildpyramide Beziehungen zu Städten. Darunter tummeln sich viele andere Spielarten. Zum Beispiel die Art von Zuneigung, wenn man jemanden gut findet, ja, vielleicht sogar schon etwas bewundert, aber der andere weiß das nicht zu schätzen und ignoriert einen. Eine Zeitlang kann diese Ignoranz sogar sehr reizvoll sein. Man buhlt um die Zuneigung der Stadt, gibt ihr die Chance, doch noch ihre schöne Seite zu zeigen, aber irgendwann hat man es dann (hoffentlich) begriffen, und bevor man seine Würde selbst antastet, nimmt man besser den nächsten Zug und verschwindet aus Berlin.

Die Idee Berlin finde ich bis heute sehr viel versprechend: Eine große Stadt, historisch relevant, mit breiten Alleen, alten Jugendstilhäusern und bezahlbarem Wohnraum. Iggy Pop und David Bowie haben auch dort gelebt, von anderen wichtigen Persönlichkeiten ganz zu schweigen. Jeden Abend geht man auf eine angesagte Vernissage, trifft auf ungewöhnliche Menschen, die alle ausnahmslos im kreativen Bereich arbeiten und einen waaahnsinnig inspirieren. An der Currywurstbude trifft man echte Berliner, die mit der berühmten Schnauze.

Heute weiß ich, dass Berlin-Mitte verseucht ist mit Schwaben, die man nicht nur an ihrem weibischen Dialekt, sondern auch daran erkennt, dass sie zum Prenzlauer Berg, wo sie sich zusammengerottet haben, Prenzelberg sagen. Sie verdingen sich als digitale Bohémians, Straßencafé-Rumsitzer und Möchtegern-Hipster und suchen in Berlin den Ausweg aus sich selbst, verpeilen aber, dass sie zwar aus der Provinz raus sind, die Provinz aber immer noch tief in ihnen drin steckt. Und dann dieser neurotische Zwang, irgendwas Künstlerisches machen zu müssen. Da wird dann ein Germanistikstudent schnell zum Schriftsteller, weil das nach Existenzialismus, einsamen Stunden am Schreibtisch und einer komplexen Persönlichkeit klingt und nicht nach muffigen Bibliotheken und Päckchen mit neuer Unterwäsche von Mutti.

Berlin hat auch eine große Down-Ager-Szene. Das sind die Menschen, die unter dem Peter-Pan-Syndrom leiden und es meistens gar nicht wissen. Die immer noch beim Blick in den Spiegel einen Achtzehnjährigen sehen, obwohl sie längst Krähenfüße und den Frustriertenzug um den Mund haben.

Und die Ureinwohner, die Berliner selbst? Manche nennen es Berliner Schnauze oder Herz auf der Zunge, ich nenne es unverschämt, borniert und auch noch stolz drauf. Seit meinen Aufenthalten in Berlin achte ich noch stärker darauf, niemandem die Vorfahrt zu nehmen, zu lächeln, wenn ich begrüßt werde und auf Fragen Fremder hilfsbereit zu antworten.

Ich kündigte mich bei einem Freund an, der gerade aus Stuttgart nach Berlin gezogen war, und kam an einem warmen Oktobertag in meinem blauen Fiat Panda im Berliner Stadtteil Lichtenberg an. Nie zuvor hatte ich in Deutschland eine solch trostlose Gegend gesehen. Die Menschen, die uns auf den Bürgersteigen begegneten, trugen Ballonseideanzüge und hielten ihre Schweinehunde nicht an der Leine. Mir schien, als gäbe es in den Supermärkten kein Obst und Gemüse, dafür jedoch umso mehr Bierdosen, ganze Reihen voll. Und die Süßigkeiten an der Kasse waren durch Kornfläschchen ausgetauscht worden.

An den U-Bahn-Haltestellen gab es haushohe Rolltreppen, die steil zu den Schienen führten. Schon beim ersten Betreten einer solchen Rolltreppe fiel ein Mann auf mich drauf. Er bekam einen epileptischen Anfall und fiel einfach um. Auf mich. Bumm. In der U-Bahn setzte sich dann ein sehr verwahrloster, müder Mann neben mich und klopfte sich auf die Armbeuge, während er versuchte, mich mit eitrigem Blick zu hypnotisieren. Bis heute weiß ich nicht, was er von mir erwartet hat: Sollte ich aus meiner Handtasche eine Spritze holen und sie ihm setzen? Oder ihm Geld geben? Für Heroin? Eine zynische Parodie auf eine geöffnete Hand, die um Essen fleht? Ich versuchte, den Mann zu ignorieren und flach zu atmen, um seinen Körper nicht weiter riechen zu müssen.

Nach einem anstrengenden Tag auf der Museumsinsel kehrten wir abends in der Oranienburgerstraße im Silberstein ein, eine sichtlich bemühte Künstlerkneipe mit affigen Stühlen. Nachdem wir mehrmals auf den Geburtstag meines Freundes angestoßen hatten, musste ich auf Toilette. Ich fand einen großen Raum vor, in dem nur eine einzige Toilette ohne Kabine drum herum stand, und hockte mich auf diese Toilette nahe einem großen Fenster. Man konnte nicht rausschauen, weil es von innen weiß bemalt war. Während ich also hockte und pinkelte, klopfte es an die Scheibe. Ich war zunächst irritiert, glaubte dann aber, dass sicherlich jemand aus Versehen an die Scheibe gekommen war. Ein Biergarten? Sicherlich war ein Biergarten da draußen. Ich entdeckte ein kleines Loch in der Bemalung und versuchte, durch dieses Loch nach draußen zu schauen, immer noch auf der Toilette hockend. Als sich meine Augen an das Dunkle gewöhnt hatten, erkannte ich einen sehr großen, erigierten Penis, nur wenige Zentimeter vor meinen Augen, an dem eine Hand sehr schnell entlangfuhr, bis er ejakulierte.

Ich erschrak so heftig, dass ich mich von diesem Naturschauspiel, begleitet von unverständlichem Brummeln und Brabbeln, losriss und mich anzog. Wenige Momente später schaute ich mir das Szenario von außen an: Das Fenster begann in zwei Metern Höhe, davor stand aber ein Müllcontainer, einer von der Sorte, deren Deckel sich nach hinten schieben ließ. So muss dieser Mann also, aufgegeilt durch die freizügig gekleideten Prostituierten, die an der Oranienburger Straße standen und auf Freier warteten, auf diesen Container geklettert sein, sich ausbalanciert und auf mich gewartet haben. Kurz vor Beginn seines Feuerwerks hatte er schnell geklopft, um seine Inspirationsquelle an der Show teilhaben zu lassen. Das war sicher nett gemeint, aber ich hatte die Berliner Schnauze gestrichen voll. Am nächsten Tag reiste ich ab.

Es gibt aber auch die Umkehrung: Du liebst die Stadt nicht, aber die Stadt liebt Dich. Ich bin achtzig Kilometer von Mannheim entfernt aufgewachsen. Mannheim war die nächste, größere Stadt. Man fuhr nach Mannheim, um Shoppen zu gehen (nur dass wir es damals noch „Einkaufen“ nannten). Eines Tages zog ich von Hamburg nach Mannheim, der Arbeit wegen. In Mannheim hatte ich schnell einen großen Freundeskreis, war jeden Abend unterwegs, war von meiner Arbeit ausgefüllt. Nun könnte der Leser also glauben, dass ich diese Stadt liebe. So ist es aber nicht.

In Mannheim wird kurpfälzisch gesprochen, das ist die verweichlichte Form des Pfälzisch. Kurpfälzisch klingt nach Schloß, Prinzen und Kutschen, aber was da aus den Mündern der Einheimischen dringt, lässt solche Assoziationen sofort verdörren. „Monnemerisch“ ist da wohl eine treffendere Bezeichnung. Wenn ein Mensch monnemerisch spricht, dann klingt das so, wie es sich anfühlt, wenn man im Schlafanzug Straßenbahn fährt: Unpassend, distanzlos, zu vertraulich. Ich kann niemanden ernstnehmen, der monnemerisch spricht. Noch nicht einmal Xavier Naidoo. Das bedeutet letztendlich auch, dass ich die Stadt nicht ernstnehmen kann. Die größte Attraktion der Stadt ist ein Wasserturm. Und die kulinarische Spezialität ist Monnemer Dreck, eine Art verunglückter Lebkuchen. Kann man so etwas ernstnehmen? Aber die Stadt liebt mich. Sie hat mir nur Gutes gegeben. Das weiß ich. Aber ich kann es ihr nicht zurückgeben.

Neben der einseitigen Liebe für Städte oder von Städten gibt es auch One-Night-Stands mit Städten: Aufregende Kurztrips, bei denen man merkt, dass die Stadt einem wohlgesonnen ist. Für mich ist New York City mein schönster One-Night-Stand. Durch die ungezählten Filme, die in dieser Stadt gedreht wurden, erlebt man die Stadt, als wäre man der Hauptdarsteller in einem Woody Allen Film. Sicher, es ist total unfair, einen aufregenden Wochentrip mit einem Jahresaufenthalt inklusive aufreibender Arbeit zu vergleichen. Aber wenn ein One Night Stand eine langjährige Beziehung zerstört, ist das ja auch nicht fair.

Jede Ecke ist eine Filmkulisse, jeder Dialog mit einem New Yorker gibt dem Leben eine Erhöhung, jede Polizeisirene erinnert an die Tausenden von Polizeisirenen, die man als Kind in den Siebzigern im Fernsehen gehört hat, wenn man nachts länger aufgeblieben ist, weil die Eltern weg waren und man heimlich Erwachsenenkrimis guckte. Ich liebe New York, New York liebt mich, aber wir können einfach nicht zusammen kommen. Mein Leben findet woanders statt.

Ich lebe seit acht Jahren in Köln. So lange habe ich es noch nie in einer Stadt ausgehalten. Köln und ich, wir sind wie eine arrangierte Ehe, die letztendlich glücklich verläuft.

Ich bin aus Vernunftgründen nach Köln gezogen. Wieder einmal wegen der Arbeit. Ich hatte viel Gutes über die Stadt gehört, aber ich kannte sie nicht. Ich hatte zwar schon eine Karnevalssitzung im Fernsehen gesehen und war sogar schon einmal eine Nacht auf der Popkomm, aber ich hatte keine rechte Vorstellung, was Köln wirklich ausmacht.

Am Anfang war ich von Köln oft genervt, von seinen lauten Bewohnern an Karneval, die einen in den Arm nehmen und am nächsten Tag vergessen haben. Von der Kölschseligkeit. Von dem Lokalpatriotismus. Von der Unmöglichkeit, vernünftig links abbiegen zu können.

Aber dann gab es auch Phasen, in denen ich mich ein bisschen in Köln verliebt habe. Kurz vorm Herzinfarkt, nachdem ich alle Treppchen im Dom hoch gelaufen bin und über die Stadt blicken konnte, im Gespräch mit einem alten Kölner an der Bushaltestelle oder um fünf Uhr morgens auf der Tanzfläche im Travestieclub Timp. Und trotzdem fühle ich mich manchmal wie ein Verräter, wenn ich an Karneval Arm in Arm mit den Touristen, Kölnern und Bergheimern stehe und mit ihnen kölsche Lieder singe, ohne dass mein Herz wirklich dabei ist. In manchen Jahren habe ich es geschafft, mit dem Kölner Geist zu verschmelzen. Und ich weiß jetzt auch, wo man links abbiegen kann.

Köln hat mir nie etwas Böses getan. Aber ich bin in einem Alter und in einer Lebensphase nach Köln gezogen, wo man nicht mehr leichtfüßig Menschen kennen lernt. So fand ich nur langsam Zugang zu der Stadt und ihren Bewohnern. Die Beziehung zwischen Köln und mir hält nun schon seit acht Jahren. Sie wurde ohne Leidenschaft eingegangen, ohne tiefere Hoffnungen. Vielleicht ist das auch die Grundlage, um eine gute, lange Beziehung zu führen.

© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Und jedes Mal, wenn ich die Schilder sehe, die in Köln in riesigen Lettern an verschiedenen gekachelten Hauswänden hängen, "Liebe Deine Stadt" (eine für die meisten Kölner selbstverständlich völlig überflüssige Aufforderung), dann denke ich mir: Vielleicht liebt Köln mich ja doch mehr als ich Köln und bittet mich um mehr Gegenliebe. Dann habe ich wieder ein schlechtes Gewissen. Und dann möchte ich Köln umarmen. Wie einen traurigen Bruder, nicht wie einen rotwangigen Liebhaber.

Der Text entstand 2006 und erschien in dem Buch "Köln ist immer besser als überall". In der Zwischenzeit hatte Berlin ein Einsehen und mich bei mehreren Besuchen sehr glücklich gemacht. Mit Mannheim habe ich mich auch versöhnt, und New York soll nicht mehr das sein, als ich es kennen gelernt habe. Und Köln? Ach, Köln.

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